Beim Industriegipfel mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sprach sich der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Karl Ochsner, für eine Anhebung der Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 39,5 Stunden aus. Ziel sei es, „das gesamtwirtschaftliche Potenzial des Landes zu erhöhen“. Darüber hinaus sprach sich Ochsner für ein höheres Pensionsantrittsalter und für einen jährlichen Selbstbehalt von 50 Euro im Gesundheitssystem aus. Mikl-Leitner und ihr oberösterreichischer Amtskollege Thomas Stelzer (ÖVP) unterzeichneten das „Industriemanifest für einen starken Produktionsstandort“ im Rahmen des Gipfels.
„Mehr als zumutbar“: Industriellenvereinigung fordert eine Stunde mehr Arbeitszeit pro Woche
Die Industriellenvereinigung bezeichnete ihre Forderungen als „mehr als zumutbar“ und stellte einen zusätzlichen BIP-Zuwachs von über einer Milliarde Euro für die Industrie in Aussicht. Derartige Statements der IV reihen sich nahtlos in eine Serie fragwürdiger Aussagen der Landeshauptfrau ein. Anfang 2025 bezeichnete sie Teilzeitangestellte pauschal als „asozial“ und entfachte damit heftige Diskussionen.
Länger arbeiten, später in Pension, Selbstbehalt im Gesundheitssystem
Die Forderungen der IV beschränkten sich nicht auf die Arbeitszeit. Zusätzlich plädiert der Verband für eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters, um demografische Herausforderungen und den Fachkräftemangel zu bewältigen. Im Gesundheitssystem schlägt Ochsner, eine moderate Selbstbeteiligung von 50 Euro pro Jahr vor. Mikl-Leitner stellte sich bei dem Gipfel grundsätzlich hinter diesen Kurs und unterstrich, dass Niederösterreich mehr wirtschaftliche Leistung erbringen müsse, um zukunftsfähig zu bleiben.

Industrieinteressen auf Kosten der Beschäftigten
Die Industriellenvereinigung zählt zu den mächtigsten Lobbyorganisationen der österreichischen Großindustrie. Sie vertritt nach eigenen Angaben mehrere tausend Unternehmen. Formal ist sie kein gesetzlicher Teil der Sozialpartnerschaft, sondern ein Verein mit freiwilliger Mitgliedschaft.
Dennoch übt sie durch personelle Verflechtungen mit der Wirtschaftskammer und ihre Nähe zur ÖVP erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen aus. Immer wieder bringt die IV Vorschläge ein, die tief in den Alltag der Beschäftigten eingreifen, etwa durch längere Arbeitszeiten, ein höheres Pensionsantrittsalter oder Einschnitte im Sozialstaat. Bereits 2024 forderte IV-Generalsekretär Christoph Neumayer 41 Stunden Arbeitszeit pro Woche ohne Lohnausgleich, und Mitte 2025 plädierte Präsident Georg Knill für eine Erhöhung des Pensionsalters auf 70 Jahre. Kritikerinnen und Kritiker sehen darin eine Wirtschaftspolitik, die Konzernen nutzt, während Beschäftigte unter immer größeren Druck geraten.
SPÖ NÖ: „Unbezahlte Mehrarbeit ist ein Rückschritt“
Scharfe Kritik kommt von der SPÖ Niederösterreich. SPÖ-Landtagsabgeordneter Rene Pfister reagierte empört auf Ochsners Aussagen. Der Vorstoß, eine zusätzliche Stunde pro Woche zu arbeiten, sei ein “Schlag ins Gesicht all jener, die tagtäglich Leistung bringen”.
Viele Arbeitnehmer stünden ohnehin unter enormem Druck durch steigende Preise, hohe Energiekosten und wachsende Unsicherheit im Alltag. In dieser Situation von Beschäftigten Gratis-Leistungen zu verlangen, sei völlig realitätsfremd, so Pfister.
Stattdessen fordert Pfister Investitionen und ein umfassendes Konjunkturpaket für Niederösterreich. Die Landesregierung müsse den Energieversorger EVN dazu bringen, Energiepreise spürbar zu senken, um Haushalte und Betriebe tatsächlich zu entlasten. Sein klares Fazit lautet: Niederösterreich braucht faire Löhne, leistbare Energie und gezielte Investitionen statt unbezahlter Mehrarbeit.
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