In Niederösterreich gibt es zahlreiche „Lost Places“, stille Zeugen vergangener Epochen. Von verlassenen Fabriken über alte Schlösser bis hin zu verschwundenen Dörfern, deren Bewohner:innen ihre Heimat verlassen mussten. Sie erzählen von früheren Lebens- und Arbeitswelten und zeigen, wie sich Regionen im Laufe der Zeit verändert haben. Auf immer mehr Menschen üben diese Orte eine besondere Anziehungskraft aus. Was steckt hinter der Faszination des Verfalls und was macht den Lost-Places-Tourismus zu einem wachsenden Trend?
Das Licht der Taschenlampe lässt ein Graffiti erscheinen: das Wort „Death“. Darunter ein Pfeil, der eine Treppe hinauf zeigt. Was an eine Szene aus einem Horrorfilm erinnert, ist ein realer Ort – irgendwo in Niederösterreich.

Das Graffiti befindet sich in einer verlassenen, maroden Fabrik. Jugendliche haben diese Fabrik erkundet und halten ihre Erfahrung auf Video fest. Es handelt sich um einen sogenannten „Lost Place“, also einen Ort, der früher genutzt wurde und heute verlassen ist und leer steht. Lost Places sind etwa Fabriken, Hotels, Schlösser oder Teile früherer Infrastruktur. Viele erzählen Geschichten über wirtschaftliche Umbrüche, Kriege oder gesellschaftliche Veränderungen.
Was macht Lost Places so faszinierend?
Lost Places zeigen, wie sich Wirtschaft, Gesellschaft und Regionen verändern. Besonders in Niederösterreich ist der Wandel von Industrie, Infrastruktur und Lebensweisen sichtbar. Manche Orte werden revitalisiert, indem dort beispielsweise neue Wohnungen gebaut werden – andere verschwinden endgültig. Sie sind damit auch eine Art Zeitkapsel. Und eine Erinnerung daran, dass auch Orte Geschichten erzählen können.
Für manche ist das Aufspüren und Besuchen von Lost Places sogar ein eigenes Hobby: Urban Exploring, kurz Urbex. Urbex-Fans erkunden verlassene Orte meist wegen ihrer Geschichte, der besonderen Atmosphäre und für Fotomotive, so auch die Jugendlichen in der Fabrik in Niederösterreich.
Viele dieser Orte liegen überraschend nahe: an Radwegen, Straßen oder mitten im Ort. Besonders viele finden sich in ehemaligen Industriegebieten, etwa dort, wo früher Textil- oder Rüstungsindustrie angesiedelt war.
Darf man Lost Places in Niederösterreich betreten?
Kurz gesagt: nein. Viele Gebäude sind im Besitz von Privatpersonen, Firmen oder Gemeinden. Wer unerlaubt ein Gelände betritt, begeht Hausfriedensbruch. Dazu kommen weitere Gefahren: einsturzgefährdete Dächer, lockere Ziegel oder Schadstoffe.
Wie gefährlich das Urban Exploring sein kann, zeigt ein Fall aus Nußdorf ob der Traisen (Bezirk St. Pölten). Ein Mann verirrte sich auf der Suche nach einem Lost Place in der Kanalisation und bekam den Kanaldeckel nicht mehr selbst auf. Er rief den Notruf und wurde von Feuerwehrkräften befreit. Zwar blieb der Mann unverletzt, dennoch zeigt der Fall die Gefahr von solchen Erkundungstouren auf – vor allem für unerfahrene Personen.
Diese Lost Places gibt es in Niederösterreich
Sanatorium Wienerwald
Das Sanatorium im Wienerwald wurde Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und später unter anderem als Lazarett genutzt. Nach der NS-Zeit diente das Gebäude als Hotel. Seit 2002 steht es leer und verfällt zunehmend. Heute ist es einer der bekanntesten Lost Places des Bundeslands – gleichzeitig aber auch stark gesichert und mit vielen Verbotsschildern versehen. Einem User auf Reddit zufolge wurden dort im Laufe der letzten Jahre Kameras und Gitterstäbe installiert, außerdem droht bei Begehung des Geländes eine Strafe von mehreren hundert Euro.
Schloss Pottendorf
Die ehemalige Wasserburg geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss geplündert, große Teile verfielen. Heute ist das Areal öffentlich zugänglich, das Schloss selbst aber nicht betretbar. Der verwilderte Park und die Ruine sorgen für eine besonders mystische Atmosphäre.
Baumwollspinnerei Schivizhoffen (Weigelsdorf)
Die Textilfabrik erlebte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt und beschäftigte hunderte Arbeiter:innen. Während der Weltkriege lief die Produktion weiter, später kam der Konkurs. Seit Jahrzehnten verfällt das Gelände – inklusive der Arbeiterwohnungen und Nebengebäude.
Ehemaliges Ziegelwerk Schleinbach
Auf rund 14 Hektar erstrecken sich die Reste eines einst wichtigen Industriebetriebs. Die Hallen bergen Relikte vergangener Produktion – neben Spuren späterer, oft illegaler Besucher:innen. Graffiti, zurückgelassene Gegenstände und improvisierte Schlafplätze erzählen ihre eigenen Geschichten. Das Gelände gilt als stark einsturzgefährdet.
Kammgarnfabrik (Möllersdorf / Region Bad Vöslau)
Die Fabrik wurde im 19. Jahrhundert errichtet und beschäftigte zeitweise über 1.000 Menschen. Später wurde sie für militärische Produktion genutzt. In den 1980er Jahren endete die Textilproduktion endgültig. Heute ist das Gelände Teil eines Museums.
Perlmooser Zementfabrik (Kaltenleutgeben)
Direkt an der Straße steht die alte Zementfabrik heute gut sichtbar, aber stark verfallen. Das Gelände ist gesichert und mit Warnschildern versehen. Fotografieren ist erlaubt – aber nur von außen.
Ein ganzes Dorf verschwindet: Döllersheim (bei Allentsteig)
Döllersheim im Waldviertel ist kein klassischer Lost Place, sondern ein ganzes verschwundenes Dorf. Es wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland unter Adolf Hitler im Jahr 1938 Teil eines großflächigen militärischen Übungsplatzes der Wehrmacht. Für dessen Errichtung wurden insgesamt 42 Dörfer geräumt, rund 7.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Darunter auch jüdische Familien, die vertrieben wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet zunächst von der sowjetischen Besatzungsmacht weiter militärisch genutzt, später übernahm das österreichische Bundesheer den Truppenübungsplatz. Eine Rückkehr der ehemaligen Bewohner:innen blieb dadurch unmöglich, auch weil große Teile der Gebäude zerstört waren und sich noch Munition im Gebiet befand. Teile außerhalb der militärischen Sperrzone sind allerdings zugänglich, etwa der Friedhof oder einzelne Gebäudereste.
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