Niederösterreich blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Hier prägten einst mächtige Herrscher, kriegerische Auseinandersetzungen und reger Handel die Region. Die technischen und kulturellen Einflüsse der Kelten und Römer sind bis heute sichtbar, etwa in Ortsnamen wie Carnuntum oder Mannswörth. Doch wie lebten Römer und Kelten wirklich zusammen? Und was hat das keltische Königreich Noricum mit der Beziehung beider Kulturen zu tun?
Königreich Noricum: Der Aufstieg und Fall der Kelten
Am Beginn der Antike siedelten sich die Kelten auf dem Gebiet des heutigen Österreichs an und gründeten das Königreich Noricum. Die Kultur der Kelten war geprägt von einer starken Verbindung zur Natur- und Tierwelt. Großen Erfolg erlangten sie mit der Metallverarbeitung, denn der Abbau von Eisen und die Herstellung von starken, langlebigen Waffen und Werkzeugen war ein neues und aufwendiges Handwerk, das nur wenige beherrschten. Als geschickte Händler exportierten die Kelten ihre Waren bis nach England und Kleinasien. Als gefürchtete Krieger eroberten sie neue Gebiete und drangen bis nach Irland vor.
Von Süden rückten die Römer ab 181 v. Chr. nach Niederösterreich vor. Sie brachten Straßen, Städte und die römische Lebensart ins Land. Noricum war das einzige keltische Staatsgebilde nördlich der Alpen und stand seit ca. 170 v. Chr. in freundschaftlichen Beziehungen zu Rom. Um 15 v. Chr. annektierte Augustus das Gebiet und machte es zur römischen Provinz Noricum.
Die Römer integrierten die Kelten weitgehend friedlich, mit Vermischung der Kulturen: Keltische und römische Namen tauchen auf Inschriften auf, und die einheimische Bevölkerung wurde romanisiert, blieb aber in ländlichen Gebieten keltisch geprägt. Straßennetze verbanden die Region, und es gab bis zu den späteren Markomannenkriegen keine großen Konflikte. Ob die Eroberung aber tatsächlich ohne Widerstand geschah, ist bis heute umstritten.
Die Kelten übergaben jedenfalls ein reiches Erbe: Sie waren die Ersten, die auf dem Gebiet des heutigen Österreichs eine großflächige wirtschaftliche und politische Struktur schufen.
Die Römer in Niederösterreich: Donaulimes und Germanen
Durch die Niederlage der Kelten wurde nahezu das ganze Gebiet des heutigen Österreichs Teil des Römischen Reiches. Lediglich die nördlichen Teile von Ober- und Niederösterreich waren durch die Donau als neue Grenze vom Römischen Reich getrennt. Die besagte Grenze trägt den Namen Donaulimes und schuf einen natürlichen Abstand zu dem nördlichen Reich der Germanen. Das römische Gebiet Niederösterreichs wurde vertikal aufgeteilt in das westliche Noricum (Kärnten, Steiermark und Teile von Niederösterreich, etwa der Wienerwald) und das östliche Pannonia (Wiener Becken, Bucklige Welt bis zum Neusiedler See).
Unter der neuen Herrschaft veränderte sich der Stellenwert Niederösterreichs: Als Grenzgebiet wurde es zu einem wichtigen Knotenpunkt. Die Römer erbauten entlang der Donau befestigte Militäranlagen und nutzten sie zur Verteidigung und für den Handel. Der Donaulimes hat im 21. Jahrhundert zwar seine Wirkung als Grenzlinie verloren, aber nicht seine Bedeutung: Seit dem Jahr 2021 ist der Donaulimes Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und somit ein zentraler Bestandteil der niederösterreichischen Kultur.
Carnuntum: Römische Kultur ist in Niederösterreich bis heute greifbar
Gelegen im Osten Niederösterreichs, war Carnuntum im 4. Jahrhundert eine römische Metropole. Heute sind Teile des Stadtviertels Carnuntum dank des Einsatzes von Archäologinnen und Archäologen in Form eines international angesehenen Museums erhalten geblieben. Die Rekonstruktion auf originalem Grundriss bietet einen einzigartigen Einblick in die Kultur und den Alltag der Römer. Beispielsweise in die berühmte Badekultur: Ein detailgetreuer Nachbau der originalen Therme zeigt beheizte Räume und Wasserbecken – inklusive der weltweit einzigen funktionsfähigen Rekonstruktion der Hypokaustenheizung. Der römische Luxus wurde durch das Noricum-Eisen und den Donauhandel ermöglicht. Aufgrund des Baus eines komplexen Straßensystems konnte der Handel optimiert werden. Auch bei kulturellen Bauten setzten die Römer neue Maßstäbe, wie das Amphitheater in Carnuntum zeigt. Die insgesamt 13.000 Sitzplätze sind für die damaligen Verhältnisse und Einwohnerzahlen eine Meisterleistung. Ein aktueller Vergleich veranschaulicht die Dimensionen: Das größte Stadium Niederösterreichs, die Datenpol Arena, bietet 10.600 Sitzplätze.

Der Heilige Severin: Zeuge des römischen Niederganges in Niederösterreich
Ab dem 5. Jahrhundert sorgen Missernten und Germanenüberfälle für Versorgungskrisen. Viele verschiedene Bevölkerungsgruppen beginnen, ihre Gebiete zu erweitern und neue Lebensräume zu sichern. Awaren, Slawen und Bayern bedrohten zunehmend die nördliche Stellung der Römer. Die Bewohnerinnen und Bewohner entlang des Donaulimes litten stark unter den Kämpfen. Die Biografie des Heiligen Severin „Vita Sancti Severini“, bietet spannende Einblicke in diese turbulente Zeit. Severin lebte in der niederösterreichischen Gemeinde Mautern an der Donau, welche damals den Namen Favianis trug. Er versuchte in einer bischhofsähnlichen Stellung die Menschen zu schützen und gründete ein Kloster. Um Lebensmittel Engpässe zu umgehen, vermittelte und organisierte er Handelsbeziehungen zwischen den Germanen und den Römern. Doch trotz seiner Bemühungen konnte Severin den Wandel der Zeit nicht aufhalten.

Der Druck von Außen und die geschwächte Bevölkerung im Inneren führten dazu, dass die römische Ära am Donaulimes 488 n. Chr. endete. Heute beleben das Carnuntum-Museum und das Donaulimes-Welterbe (UNESCO 2021) dieses antike Erbe.
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