Tief im Ernstbrunner Wald, wo heute nur Moos und Wurzeln den Boden bedecken, lag einst ein lebendiges Dorf. Neue archäologische Untersuchungen bringen ans Licht, was von der mittelalterlichen Siedlung Krales übrig blieb und erzählen die Geschichte eines längst vergessenen Ortes.
Nördlich von Wien liegt der größte Eichenmischwald Mitteleuropas. Das Gebiet trägt mehrere Namen: Ernstbrunner Wald, Enzersdorfer Wald, Glasweiner Wald oder Hollabrunner Wald. Heute ist die Region ein beliebtes Naherholungsgebiet mit seltenen Pflanzenarten und vielen Tierarten. Doch früher sah diese Landschaft völlig anders aus.
Zwischen Ernstbrunn und Enzersdorf im Thale lagen im Mittelalter zahlreiche Dörfer, Felder und Weingärten. „Versunken“ – so nennen Archäologen solche Ortswüstungen oft poetisch: Nach dem Verlassen der Dörfer um 1250 zerfielen die Holzbauten, der Wald wuchs über Wälle, Gräben und Hausplätze hinweg und konservierte sie wie ein natürliches Archiv. Neue Laserscan-Untersuchungen machen diese Spuren heute wieder sichtbar und erinnern an diese verschwundene Landschaft.

Die verschwundene Siedlung Krales
Siedlung Krales im Ernstbrunner Wald lag einst etwa 1,8 Kilometer südlich von Enzersdorf im Thale, genau dort, wo heute das Waldgebiet beginnt.

Auf den Laserscan-Luftaufnahmen ist die Siedlung noch heute klar erkennbar. Die Geländestrukturen zeigen Straßen, Hausplätze und Befestigungen. Krales war für damalige Verhältnisse ein beachtliches Dorf. Historiker gehen von rund 250 Einwohnern aus. Das Herzstück bildete eine sogenannte Motte: eine Erdburg auf einem aufgeschütteten Hügel. Dort befand sich der Sitz der Herren von Krales. Rund um diese Kernburg lagen weitere Verteidigungsanlagen mit tiefen Gräben.

Auch die umliegenden Felder sind teilweise noch sichtbar: Im heutigen Wald erkennt man bis heute terrassenartige Strukturen, die vermutlich zu ehemaligen Weingärten gehörten.
Ein Dorf mit Schutzsystem: Krales im Ernstbrunner Wald
Krales im Ernstbrunner Wald war von einer Graben-Wall-Anlage umgeben. Die Kontruktionen konnten mehrere Meter breit und bis zu zwei Meter tief sein und hatten mehrere Funktionen: Sie hielten nicht nur Angreifer fern, sondern dienten gleichzeitig als Rückhaltebecken für Regenwasser und schützten das Dorf vor Überschwemmungen. Auf den Wällen standen vermutlich Holzzäune. Zusätzlich pflanzten die Bewohner:innen dornige Hecken als Schutz gegen Plünderer und wilde Tiere.
Auch innerhalb des Dorfes spielte Wasser eine wichtige Rolle. Oft nutzte man die Dorfstraße als Entwässerungsrinne, damit Regenwasser aus dem Ort abfließen konnte.

„Krales“: Fachleute uneinig über Bedeutung
Auch hinter dem Namen Krales selbst verbirgt sich eine interessante Geschichte. Historische Quellen belegen, dass sich die Schreibweise im Mittelalter mehrfach änderte, etwa zu Chruels, Chreulis oder Chraulse. Der Ortsname taucht in historischen Quellen aber nicht nur in verschiedenen Formen auf. Auch seine Bedeutung ist unter Fachleuten umstritten: Belegen aus dem 16. Jahrhundert zufolge geht das Wort direkt auf „Schmaus“ oder „Fest“ zurück, wonach Krales als Ort des Feierns interpretiert wurde. Heute sehen Linguisten mehrheitlich einen slawischen Ursprung im Ortsnamen – „kral“ steht für „König“ oder „Herrscher“. Fest steht jedenfalls die Existenz des Ortes: Bereits vor 1177 bezeugt Poto de Chruels, ein lokaler Edelmann, den Namen als Urkunden-Zeuge.
Ursache des Verschwindens bleibt ein Rätsel
Laut archäologischen Schätzungen entstand Krales um das Jahr 1100. Schon um 1250 dürfte der Ort jedoch wieder verlassen gewesen sein. Warum genau die Menschen das Dorf aufgaben, ist bis heute nicht klar. Historiker vermuten mehrere mögliche Gründe: Überfälle, Kriege, Missernten oder Hungersnöte könnten das Leben dort schwierig gemacht haben. Möglicherweise spielte auch Wasser eine Rolle, etwa durch Überschwemmungen oder steigendes Grundwasser.
Eine weitere Hypothese lautet: Viele Bewohner zogen möglicherweise in das nahegelegene Dorf Enzersdorf im Thale. Dort bot eine Wasserburg Schutz und es waren Arbeitsplätze und Infrastruktur vorhanden.
Der Wald als Archiv der Geschichte
Krales im Ernstbrunner Wald ist nicht das einzige verlassene Dorf. Auch rund um Enzersdorf verschwanden im Mittelalter mehrere Dörfer. Allein im Umkreis von vier Kilometern sind mindestens sieben solcher Siedlungen belegt. Heute helfen moderne Technologien dabei, ihre Spuren und Bedeutung wieder sichtbar zu machen. Besonders Laserscan-Aufnahmen zeigen noch Geländestrukturen, die mit bloßem Auge kaum erkennbar sind.
So wird im Ernstbrunner Wald langsam eine „versunkene Welt“ wieder sichtbar, mit Dörfern, Burganlagen und alten Wegen. Unter den Bäumen liegt also nicht nur Natur, sondern auch ein Stück mittelalterlicher Geschichte des Weinviertels.
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