In der Nähe des niederösterreichischen Orts Feichtenbach bei Pernitz, in einem abseits gelegenen Seitental, liegt die einst hochmoderne und gut besuchte Lungenheilanstalt „Sanatorium Wienerwald“. Das einst renommierte Haus steht heute leer. Der seit Jahren verfallende Gebäudekomplex ist zum „Lost Place“ geworden, der viele Besucherinnen und Besucher anzieht und aufgrund seiner Geschichte fasziniert. Die Geschichte des Sanatorium Wienerwald ist von einem besonders dunklen Kapitel geprägt: Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde das Sanatorium „arisiert“, seinen jüdischen Gründern entzogen und nach den Vorstellungen der Nationalsozialisten umgestaltet. Später nutzte die SS das Haus als „Lebensborn“-Heim, eine Einrichtung des nationalsozialistischen Systems zur gezielten Förderung „rassisch“ erwünschter Geburten.
Ein modernes Sanatorium mit prominenten Gästen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt das Sanatorium Wienerwald, eine auf etwa 530 Metern Seehöhe gelegenen Höhenklinik, als medizinisches Vorzeigeprojekt. Die jüdischen Ärzte Hugo Kraus und Arthur Baer gründeten das Sanatorium Wienerwald und spezialisierten sich auf die Behandlung von Lungenkrankheiten. Denn die Tuberkulose, eine durch Bakterien verursachte Infektionskrankheit, die die Lunge befällt, war damals weit verbreitet. Viele Patientinnen und Patienten suchten medizinische Behandlung und Erholung in spezialisierten Heilanstalten außerhalb der Städte.

Quelle: unbekannt – eigene Sammlung
Das Sanatorium setzte nicht nur auf Ruhe und frische Luft, sondern auch auf für die damalige Zeit fortschrittliche medizinische Methoden. So wurde hier bereits früh die sogenannte Pneumothorax-Therapie eingesetzt – ein Verfahren, bei dem gezielt Luft in den Brustraum eingebracht wurde, um die Lunge zu entlasten. Auch neue Technologien wie spezielle Bestrahlungsgeräte kamen zum Einsatz. Um mehr Menschen aufnehmen zu können, wurde das ursprünglich für rund 90 Patientinnen und Patienten geplante Haus deutlich erweitert. Das Sanatorium entwickelte sich damit zu einer der bedeutendsten Einrichtungen seiner Art in Österreich.
Der hervorragende Ruf der Einrichtung reichte weit über die Region hinaus. Der Autor Franz Kafka hielt sich Anfang April 1924 im Sanatorium Wienerwald auf, um seine fortgeschrittene Tuberkulose behandeln zu lassen. Sein Aufenthalt dauerte nur wenige Tage, da die Krankheit bereits weit fortgeschritten war. Der damalige Bundeskanzler Ignaz Seipel starb 1932 im Sanatorium Wienerwald.

Quelle: unbekannt, kein Urheber verifizierbar – eigene Sammlung
Übernahme durch das NS-Regime: Sanatorium wird zum „Lebensborn“-Heim
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 endete die Erfolgsgeschichte des Sanatoriums. Die jüdischen Gründer wurden verfolgt: Hugo Kraus nahm sich angesichts der Repressionen das Leben, Artur Baer wurde von der Gestapo verhört und gezwungen, das Sanatorium den Nationalsozialisten zu überschreiben. Daraufhin flüchtete er aus Österreich und starb später verarmt im Exil in der damaligen Tschechoslowakei.
Bereits ab 1938 und bis 1945 wurde das ehemalige Sanatorium nicht mehr als Heilanstalt genutzt, sondern als ein Entbindungsheim des SS-Vereins „Lebensborn“ weitergeführt. Das Projekt wurde von „SS Reichsführer“ Heinrich Himmler persönlich abgesegnet. Ziel dieser Einrichtungen war es, uneheliche Kinder von Frauen, die den “arischen” Merkmalen entsprachen, zu unterstützen, um die Geburtenrate zu erhöhen. Auch ideologisch überzeugte Ehefrauen von SS-Männern brachten hier ihre Kinder zur Welt.

Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F051638-0061 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Im Heim Wienerwald kamen in dieser Zeit rund 1.350 Kinder zur Welt. Zum Lebensborn-System zählten auch Kinder, die die Nationalsozialisten verschleppt hatten. Sie stuften diese Kinder nach NS-Ideologie als „arisch“ ein und vermittelten sie anschließend an ausgewählte Familien. Frauen, die Kinder gebaren, die nicht den ideologischen Kriterien der Nationalsozialisten entsprachen, mussten die Einrichtung verlassen.
Das Ludwig-Boltzmann Institut beschäftigt sich bis heute mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Lebensborn-Heim im Wienerwald. Es konnte drei Fälle nachweisen, in denen Kinder mit Behinderungen direkt an die Wiener Anstalt „Am Spiegelgrund“ überstellt und dort im Rahmen der NS-„Kindereuthanasie“ ermordet wurden.

Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1973-010-11 / CC-BY-SA 3.0 DE, CC BY-SA 3.0 de
Hotel und Reha-Zentrum: Die Nutzung des Sanatoriums nach dem Nationalsozialismus
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude wieder in Betrieb genommen. Zwischen 1945 und 1948 betrieb das Wiener Jugendhilfswerk hier ein Kindererholungsheim für unterernährte Kinder aus Wien. In dieser Zeit wurden mehr als 4.100 Kinder in Feichtenbach betreut.
In den frühen 1950er-Jahren begann schließlich eine umfassende Umgestaltung: Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) ließ das ehemalige Sanatorium zu einem großen Urlauberheim umbauen. Ein umfassender Umbau verlieh dem Haus ein völlig neues Erscheinungsbild und ergänzte es um zusätzliche Einrichtungen wie ein Freibad, eine Jugendherberge und später auch Freizeitanlagen.
Ab den 1990er-Jahren diente das ehemalige Sanatorium als Erholungs- und Rehabilitationszentrum für Patientinnen und Patienten der Wiener Gebietskrankenkasse. Doch auch das war nicht von Dauer. Im Jahr 2002 stellte das Rehabilitationszentrum nach mehreren Jahren Betrieb seinen Betrieb ein. Ein weiterer Versuch, den Komplex als „Hotel Feichtenbach“ zu betreiben, scheiterte ebenfalls.

Quelle: Feichtenbach – Eigenes Werk
Erst 1992 errichteten die Verantwortlichen einen Gedenkstein für die während der NS-Zeit verfolgten Gründer Hugo Kraus und Arthur Baer. Damit setzte schrittweise eine Aufarbeitung der Geschichte des Ortes ein.
Seit 2002 steht das ehemalige Sanatorium leer. Seither verfällt der Gebäudekomplex zunehmend. Eingeschlagene Fenster, beschädigte Räume und überwucherte Außenanlagen prägen heute das Bild.
Das Sanatorium Wienerwald als „Lost Place“: Vandalismus und Sicherheitsrisiken
Mit dem Leerstand veränderte sich auch die Nutzung des Areals. Anwohnerinnen und Anwohner berichten, dass Jugendliche und sogenannte „Urban Explorer“ das Gelände nach der Schließung wiederholt aufsuchen. Immer wieder kommt es dabei zu Vandalismus, Diebstählen und illegalen Partys im Gebäude. In Einzelfällen wurde der Komplex auch für ungewöhnliche und problematische Nutzungen missbraucht – etwa zur illegalen Haltung dutzender Tiere. Das Gebäude wurde außerdem wiederholt zur Zielscheibe rechtsextremer Schmierereien, etwa Hakenkreuzen.
Die Behörden verhängten deshalb ein strenges Betretungsverbot, um weitere Schäden zu verhindern. Heute bewachen Sicherheitskräfte das Gelände, Verstöße gegen das Betretungsverbot ahnden die Behörden mit Anzeigen und Geldstrafen.
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