Wo das Kremstal in die Wachau übergeht, liegt eine Stadt, die seit Jahrhunderten eine zentrale Bedeutung in Österreich hat: Krems an der Donau. Krems war im Mittelalter ein zentraler Knotenpunkt des Warenverkehrs und ist heute als Kultur- und Universitätsstadt nicht mehr wegzudenken. Wie Krems vor 175 Jahren ausgesehen haben könnte, macht der Mediendesigner Jürgen Oman mithilfe antiker Kupferstiche und Künstlicher Intelligenz sichtbar. Das Ergebnis sind kurze, farbige Bewegtbilder, die in den sozialen Medien tausendfach geklickt werden. Wir haben mit ihm über den Entstehungsprozess gesprochen.
Die Gemeinde Krems an der Donau hat für Niederösterreich und ganz Österreich eine tiefe geschichtliche Bedeutung. Krems gehört zu den ältesten bewohnten Gebieten an der Donau, wie ein archäologischer Fund im Jahr 1988 bewiesen hat. Archäologinnen und Archäologen entdeckten damals im nahe gelegenen Galgenberg die sogenannte Fanny von Galgenberg. Die steinerne Venusfigurine stammt aus der Altsteinzeit und ist rund 32.000 Jahre alt. Etwa 25 Kilometer donauaufwärts liegt die Fundstelle der 7.000 Jahre jüngeren Venus von Willendorf. Bis heute kann die Forschung die Bedeutung von Venusfigurinen nicht klar festlegen. Vermutungen reichen von Fruchtbarkeitssymbolen zu Darstellungen von Göttinnen.

Krems im Mittelalter: Handels- und Kulturstadt
Um 48 nach Christus ließen sich die Römer in der Region nieder und brachten auch den Weinbau mit – der Grundstein für den heute international renommierten Wachauer Wein. Nach dem Abzug der Römer übernahmen die Rugier, ein ostgermanischer Stamm, das Gebiet. Den entscheidenden Aufschwung erlebte die Stadt jedoch im Mittelalter: Im 13. Jahrhundert schlossen sich Krems und das benachbarte Stein zu einer Städtegemeinschaft zusammen. Es entstand ein Bund, der sich als überaus fruchtbar erweisen sollte. Denn die günstige Lage an der Donau machte Krems-Stein zu einem der bedeutendsten Umschlagplätze zwischen Schiffs- und Landverkehr und lockte Künstler, Händler und Gelehrte in den Ort. Die steigende Bedeutung der Bildung im Allgemeinen trug dazu bei, dass sich Krems zu einer hochkarätigen Bildungs- und Universitätsstadt entwickelte.

Künstliche Intelligenz rekonstruiert historisches Krems in bewegten Bildern
Im Jahr 2000 wurde die Kremser Altstadt in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Jetzt erlebt sie in den sozialen Medien eine ungewöhnliche Renaissance: Ein KI-generiertes Video zeigt, wie die Stadt vor 175 Jahren ausgesehen haben könnte, und erfreut sich auf Instagram großer Beliebtheit. Grundlage für das Kurzvideo ist ein alter Kupferstich, den der Ersteller Jürgen Oman mit KI-Programmen bearbeitet hat. Mithilfe gezielter Anweisungen, sogenannter Prompts, verwandelt die KI das starre historische Bild in ein lebendiges, farbiges Video.
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Vom Archivbild zur KI-Animation: Jürgen Oman über den Entstehungsprozess
Alles begann mit einem Gedankenspiel: Wie wäre es, vor 100 Jahren durch die eigene Heimatstadt zu spazieren? Aus dieser Idee heraus visualisierte Jürgen Oman kurzerhand seine Heimatstadt Linz im 19. Jahrhundert und postete die Ergebnisse in den sozialen Medien – mit großem Erfolg. Nach und nach kamen immer mehr Städte hinzu, denn auch andere Nutzerinnen und Nutzer wollten die Geschichte ihrer Heimatstädte mit eigenen Augen sehen. Mittlerweile umfasst Omans Projekt eine beachtliche Sammlung – von Sylt bis Zürich, von Innsbruck bis St. Pölten.
Die Videos entstehen in mehreren Schritten: Zuerst recherchiert Oman über die jeweilige Stadt und sammelt in Online-Archiven alte Fotografien und Kupferstiche, die als Ausgangspunkt der Videos dienen. Das ausgewählte Material wird zunächst eingefärbt und anschließend mithilfe von Künstlicher Intelligenz in zehn Sekunden lange Videoclips verwandelt. Pro Stadt wiederholt Oman diesen Vorgang fünf bis sechs Mal, um verschiedene Stadtansichten einzufangen. Bis ein fertiges Video schließlich hochgeladen werden kann, vergehen oft mehrere Stunden, erzählt Oman im Gespräch mit NÖ Aktuell.
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Oman will Geschichte greifbar machen
Fast wie eine Zeitreise fühlen sich Omans kurze Videos an, die bereits mehrere tausend Likes auf Instagram gesammelt haben. Im Interview mit NÖ Aktuell erklärt Jürgen Oman, dass er viele positive Rückmeldungen erhält:
“Eine 80-jährige Dame aus Wels hat mir geschrieben, dass sie den Tränen nahe war, weil sie im Video Frauen gesehen hat, die in Mühlbach die Wäsche gewaschen haben. Ihre Mutter hat das selbst genau so gemacht und die Dame hat das aus Erzählungen gekannt. Das ist natürlich super, wenn man Leute mit solchen Sachen berühren kann.”
Trotz vieler positiver Reaktionen gibt es auch kritische Kommentare. Das Problem mit Künstlicher Intelligenz ist, dass sie Sachen halluziniert, also erfindet und manche Details in den Videos somit historisch nicht völlig korrekt sind. Oman sagt dazu, dass er keinen Anspruch hat, die Farbe von jeder Hausfassade korrekt abzubilden. Ihm geht es vielmehr darum, den Menschen ein Gefühl für die vergangene Zeit zu geben.
“Es ist nicht das Ziel meines Kanals, jedes Detail historisch korrekt abzubilden. Ich will einfach Geschichte greifbar machen. Das ist, was mich fasziniert und man merkt auch, dass es andere Menschen fasziniert.”
Die Facetten der Künstlichen Intelligenz
Die faszinierenden Fähigkeiten der KI bringen auch bestimmte Herausforderungen mit sich. Beispielsweise ist der Einsatz von KI-Tools sehr ressourcenintensiv: Chat-GPT allein kommt schätzungsweise auf einen jährlichen Stromverbrauch von etwa 383 Gigawattstunden. Außerdem beeinflusst die KI den Jobmarkt, wovon Oman, der hauptberuflich in der Werbebranche und im Grafikbereich arbeitet, selbst betroffen ist. Er sagt dazu:
“Ich bin extrem zwiegespalten. Aber was ich weiß ist, dass die KI nicht mehr weggehen wird. Wenn man jetzt derjenige ist, der sie nicht benutzt, ist man derjenige, der nachhinkt. Man muss einfach schauen, wie man das Beste daraus machen kann.”
Wie sich der Umgang mit der Künstlichen Intelligenz weiterentwickeln wird, kann Oman nur erahnen. Der Mediendesigner blickt aber optimistisch in die Zukunft und möchte den Menschen mit seinen historischen KI-Animationen weiterhin eine Freude machen und einen nostalgischen Blick zurück ermöglichen.
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