Johann Georg Grasel gilt bis heute als einer der bekanntesten Räuber Niederösterreichs. Im Waldviertel ist er längst zur Marke geworden: Gasthäuser, Ausstellungen und versteckte „Graselhöhlen“ erinnern an den Mann, der angeblich die Reichen bestohlen und den Armen geholfen haben soll. Doch mit Robin Hood hatte Grasel so gut wie nichts gemeinsam. Hinter der romantischen Legende steckt die Geschichte eines gewalttätigen Räubers, der schon als Kind straffällig wurde, mit seiner Bandejahrelang Bauernhöfe überfiel und Niederösterreich in Angst und Schrecken versetzte.
Extreme Armut und Kriminalität: Erste Festnahmen im Alter von 9 Jahren
Johann Georg Grasel wurde am 4. April 1790 im mährischen Neuserowitz, dem heutigen Nové Syrovice, geboren. Seine Familie gehörte zum Berufsstand der Abdecker. Ihre Aufgabe war es, tote Tiere zu beseitigen und zu verwerten. Obwohl diese Tätigkeit die Ausbreitung von Krankheiten verhinderte , wurden Abdecker gesellschaftlich ausgegrenzt und mussten häufig außerhalb der Ortschaften leben.
Auch innerhalb der Familie fand Johann Georg wenig Halt: Grasels Vater Thomas war gewalttätig, trank viel und wurde wegen Einbrüchen und anderer Verbrechen mehrfach verhaftet. Die Familie lebte zeitweise vom Betteln. Johann Georg besuchte keine Schule und konnte weder lesen noch schreiben. Bereits im Alter von neun Jahren wurde er wegen kleiner Diebstähle und Herumtreiberei festgenommen. Im frühen 19. Jahrhundert war „Herumtreiberei“ (Vagabundage/Bettelei ohne festen Wohnsitz) eine eigene strafbare Handlung.
Auf Beutezug mit der Familie
Seinen ersten belegten Einbruch beging Grasel mit 15 Jahren – und nicht aus eigener Initiative. Im Jahr 1806 drängte ihn seine Mutter dazu, bei einem Einbruch in Raabs an der Thaya Schmiere zu stehen. Als Beute erhielt er Bettzeug, aus dem seine Mutter Kleidung für die Kinder nähte. Der Einbruch sollte kein Einzelfall bleiben: Später nahm ihn sein Vater regelmäßig auf Diebestouren mit.
Grasel erklärte viele Jahre später vor Gericht, sein Vater habe ihn seit seiner Kindheit zum Stehlen und Rauben gezwungen. Bei Misserfolgen habe er ihn geschlagen und sogar mit einem Messer verletzt. Mit einer anderen Erziehung, so Grasel, wäre er möglicherweise „ein anderer Mensch“ geworden.
Vom Gelegenheitsdieb zum gefürchteten Räuberhauptmann
Als junger Mann arbeitete Grasel kurz selbst als Abdeckergehilfe. Schon bald kehrte er dem Abdeckerhandwerk den Rücken und ging mit wechselnden Komplizen im Waldviertel und Weinviertel auf Raubzüge. Im Laufe der Zeit schlossen sich ihm immer mehr Kriminelle an. Seine Bande soll zeitweise aus mehreren Dutzend Menschen bestanden haben.
Die Gruppe überfiel Bauernhöfe, fesselte Bewohner:innen und misshandelte sie, bis sie die Verstecke ihrer Wertsachen verrieten. Von einer gezielten Auswahl reicher Opfer, wie es die spätere Legende nahelegt, kann dabei keine Rede sein: Die Überfallenen waren oft selbst einfache Bäuerinnen und Bauern. Häufig bestand die Beute lediglich aus Lebensmitteln, Kleidung, Bettwäsche oder kleineren Geldbeträgen.
Aus kleineren Diebstählen wurden mit der Zeit immer schwerere Gewalttaten. Grasel verletzte Menschen mit einem Messer, beteiligte sich an brutalen Überfällen und wurde sogar für den Tod mehrerer Menschen verantwortlich gemacht. Als schwerstes Verbrechen wertete das Gericht den Überfall auf die 66-jährige Anna Maria Schindlerin in Zwettl. Sie wurde im Mai 1814 bei einem Raubüberfall mit einer Eisenstange erschlagen.

Quelle: Wikimedia Rogernot – Eigenes Werk
Nach Gefängnisausbrüchen: 100.000€ für die Ergreifung Grasels
Die Behörden suchten Grasel schließlich mit großem Aufwand. In einem Steckbrief aus dem Jahr 1815 wurde er als kühn, stark und geschickt beschrieben. Er trage Pistolen, Messer und ein Stilett bei sich und halte sich häufig in Wäldern und abgelegenen Abdeckerhöfen auf. Für seine Festnahme waren 4.000 Gulden Belohnung ausgesetzt – für damalige Verhältnisse eine enorme Summe. Der Betrag entspricht heute ungefähr 100.000 Euro.
Mehrmals gelang es Grasel, aus Gefängnissen zu fliehen. Im Jahr 1813 wurde er gemeinsam mit einem Komplizen in einem Gasthaus festgenommen. Weil Grasel vorgab, ein Deserteur (Kriegsdienstverweigerer) zu sein, brachte man ihn in ein Wiener Militärgefängnis. Aus der Rennwegkaserne konnte er jedoch in der Nacht auf den 7. Juli 1813 ebenfalls fliehen.
Erst im November 1815 gelang seine endgültige Festnahme. Die Behörden nutzten Grasels Freundin Therese Hamberger als Lockvogel. Gemeinsam mit dem Polizeispitzel David Mayer traf Grasel in einem Gasthaus in Mörtersdorf bei Horn ein. Als Mayer ihn angriff, wagten die anwesenden Gäste zunächst nicht einzugreifen. Erst nachdem er Grasel zu Boden gerissen hatte, halfen mehrere Männer dabei, den gefährlichen Räuber zu fesseln.

Quelle: Wikimedia
Hinrichtung vor Zehntausenden Menschen
Nach seiner Festnahme brachten die Behörden Grasel rasch nach Wien. Die Ermittlungen dauerten mehr als zwei Jahre an. In insgesamt 141 Verhörsitzungen gestand er 205 Straftaten, die er zwischen 1806 und 1815 begangen hatte .
Am 28. Jänner 1818 verurteilte ein Militärgericht Grasel und seine Komplizen zum Tod durch den Strang. Drei Tage später wurden die drei Männer öffentlich auf einer Wiener Wiesenfläche, die außerhalb des Stadtgrabens der mittelalterlichen Ringmauer lag, gehängt. Zehntausende Menschen sollen die Hinrichtung verfolgt haben. Der Überlieferung nach blickte Grasel auf die Menschenmenge und sagte: „Jessas, so vül Leit!“
Wie Grasel zum „Robin Hood“ wurde
Die Vorstellung, Grasel habe gezielt wohlhabende Menschen beraubt und seine Beute unter Armen verteilt, lässt sich durch historische Quellen also nicht belegen. Nach der Hinrichtung Grasels wurde diese Legende immer weiter ausgeschmückt. In Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken und Filmen erschien Grasel zunehmend als listiger Außenseiter, der sich gegen die Mächtigen stellte. Später griff auch der Tourismus das Bild auf und vermarktete Grasel als Marke: Gasthäuser, Ausstellungen und “Graselhöhlen”, in denen erbeutete Gegenstände versteckt sein sollen, erinnern bis heute an den Räuberhauptmann.
Dass Grasel heute glorifiziert wird, zeigt, wie leicht sich Geschichte vermarkten lässt. Am Ende bleibt kein authentisches Bild der Vergangenheit, sondern eine Erzählung, die ins regionale Marketing passt.
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