Ob Hüttendorf im Weinviertel, Melk im Mostviertel oder Wiener Neustadt im Industrieviertel, jedes Ortsschild in Niederösterreich erzählt eine kleine sprachhistorische Geschichte. Viele Namen sind über tausend Jahre alt und verraten, oft verschlüsselt, wer die Orte gegründet hat oder welche Völker vor den heutigen Bewohnern hier siedelten.
Wenn Namen über Jahrhunderte wandern
Die Etymologie, jener Zweig der Sprachwissenschaft, der sich mit der Herkunft von Wörtern befasst, zählt Ortsnamen zu den ältesten sprachlichen Zeugnissen einer Region. Urkundlich erwähnt wurden die meisten niederösterreichischen Orte frühestens im 9. bis 12. Jahrhundert. Oft geschah das erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrer tatsächlichen Gründung. Manche Namen reichen sprachlich sogar noch weiter zurück, in die Zeit vor der deutschen Besiedlung. Das gilt besonders, wenn topografische Bezeichnungen – also solche, die geometrische Lage betreffen – übernommen wurden. Diese gehen oft auf keltische, romanische oder slawische Sprachschichten zurück.
Über die Jahrhunderte veränderten Lautverschiebungen und unterschiedliche Schreibweisen viele Ortsnamen so stark, dass ihre ursprüngliche Bedeutung heute kaum mehr zu erschließen ist. Als Pioniere der niederösterreichischen Ortsnamenforschung gelten die Sprachwissenschaftler Heinrich Weigl, der seine Arbeit bereits in den 1920er Jahren begann. Ebenso gilt Elisabeth Schuster als Pionierin, deren mehrbändiges Standardwerk zur Etymologie der niederösterreichischen Ortsnamen Jahrzehnte später erschien. Ihre Forschung zeigt, wie sich Deutungen im Lauf der Zeit wandeln können.
Was die Ortsnamen verraten: Ein Streifzug vom Weinviertel bis in die Wachau
Viele Orte im Bezirk Mistelbach sind nach ihren Gründern benannt. Hüttendorf leitet sich nicht von „Hütten“ ab, wie im 19. Jahrhundert angenommen, sondern vom althochdeutschen Personennamen „Hitto“. Bei Eibesthal vermutete man 1885 einen keltischen Ursprung im Wort für Eibe. Heute gilt jedoch der slawische Name „Iwan“ als anerkannte Erklärung. Solche Korrekturen sind in der Namenforschung eher die Regel als die Ausnahme.
St. Pölten geht auf den heiligen Hippolyt zurück, dessen Reliquien im Frühmittelalter in die Stadt gebracht wurden. Über die Zwischenform „Sankt Polyt“ entstand im Lauf von rund tausend Jahren die heutige Form.
Melk wird 831 erstmals als „Medilica“ erwähnt und findet sich unter der Form „Medelikhe“ bereits im Nibelungenlied. Der Name ist slawischen Ursprungs und wandelte sich über „Medlicensis“ und „Melckh“ zum heutigen Melk. Dies geschah lange bevor hier 1089 das Benediktinerstift gegründet wurde.
Krems ist urkundlich 995 als befestigter Platz namens „Chremisa“ belegt. Der Name dürfte sich von einem noch älteren Gewässernamen ableiten, der einen eingeschnittenen oder felsigen Flusslauf bezeichnet. Solche Gewässernamen finden sich mehrfach im Alpenraum. Das spricht dafür, dass der Name deutlich älter ist als die spätere Besiedlung der Region.
Tulln geht nicht auf das römische Kastell „Comagena“ zurück, sondern auf einen älteren Flussnamen. Dieser ist bereits im Nibelungenlied als „Tulne“ überliefert und hat die römische Bezeichnung überdauert.
Wiener Neustadt ist ein vergleichsweise junger und unmissverständlicher Name. 1194 beschlossen die Babenbergerherzöge, mit dem Lösegeld für Richard Löwenherz eine befestigte Stadt zu errichten. Diese wurde zunächst schlicht „Neustadt“ beziehungsweise lateinisch „Nova Civitas“ genannt. Der Zusatz „Wiener“ setzte sich erst im 17. Jahrhundert durch.
Von „-ach“ bis „-schlag“: Was die Endungen über die Landesgeschichte verraten
Auswertungen der Ortschaftendatenbank der Statistik Austria zeigen, dass bestimmte Namensendungen regional unterschiedlich häufig vorkommen. So ist die Endung „-dorf“ außerhalb der inneralpinen Regionen besonders verbreitet. Sie findet sich in Niederösterreich unter anderem häufig im Weinviertel oder im Tullnerfeld.
Auch die Endung „-berg“ tritt vor allem im nördlichen Alpenvorland und südlich des Alpenhauptkamms gehäuft auf. In den zentralen Alpen kommt sie jedoch vergleichsweise seltener vor. Endungen wie „-bach“ oder „-ach“ verteilen sich hingegen relativ gleichmäßig über das gesamte Bundesgebiet.
Andere Suffixe, das sind die Wortendungen, verraten ihre Herkunft noch deutlicher. Das typisch altbairische „-ing“ oder „-heim“ konzentriert sich besonders im altbairischen Siedlungsraum entlang der Donau. Endungen wie „-itz“, die auf slawische Wurzeln hindeuten, treten vor allem im südöstlichen Österreich und in Regionen mit starkem slawischem Spracheinfluss gehäuft auf. Außerdem findet sich die Endung „-schlag“, die häufig mit mittelalterlichen Rodungssiedlungen in Verbindung gebracht wird. Dies geschieht besonders im Mühl- und Waldviertel, also auch im nordwestlichen Niederösterreich.







