Ungewöhnlich, teils irritierend, oft auch amüsant: Einige Ortsnamen in Niederösterreich sind alles andere als alltäglich. Was auf den ersten Blick sprachliche Kreativität vermuten lässt, ist oft das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung. Viele dieser Bezeichnungen sind tief in der regionalen Geschichte verwurzelt, auch wenn ihre ursprüngliche Bedeutung heute nicht mehr unmittelbar erkennbar ist.
Auffällige Ortsnamen mit unscheinbarem Ursprung
Orte wie Unterstinkenbrunn im Bezirk Mistelbach oder Oberstinkenbrunn im Bezirk Hollabrunn zählen zu jenen Beispielen, die heute besonders auffallen. Der moderne Sprachgebrauch legt dabei eine Bedeutung nahe, die mit der ursprünglichen Herkunft wenig zu tun hat. Sprachwissenschafterinnen und Sprachwissenschafter gehen davon aus, dass „Stinken“ in diesen Fällen auf ältere Begriffe für stehende Gewässer oder feuchte Böden zurückgehen könnte.
Ähnlich verhält es sich mit Rauchengern in der Gemeinde Pressbaum im Bezirk St. Pölten. Der Name dürfte auf frühere Nutzungsformen der Landschaft hinweisen, etwa auf Rodungen oder die Verarbeitung von Holz. Solche Bezeichnungen entstanden meist aus der Perspektive der Menschen vor Ort und beschrieben ihre unmittelbare Umgebung möglichst präzise.
Schweinern, Saudorf und Maustrenk: Tier- und Familiennamen als Ortsbezeichnungen
Auch Tierbezeichnungen sind in niederösterreichischen Ortsnamen keine Seltenheit. Schweinern in der Gemeinde Obritzberg-Rust oder Saudorf in St. Margarethen im Bezirk St. Pölten verweisen vermutlich auf frühere landwirtschaftliche Strukturen oder auf Besitzverhältnisse. Tiere spielten im Alltag eine zentrale Rolle und fanden entsprechend Eingang in die Namensgebung.
Maustrenk bei Zistersdorf im Bezirk Gänserndorf gehört ebenfalls in diese Kategorie. Die genaue Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt, dürfte aber auf ältere Begriffe oder Flurnamen zurückgehen. Letztere bezeichnen ein nicht besiedeltes Stück Land, Wälder oder Gewässer.
Auch die Gemeinde Dobermannsdorf, die sich ebenfalls im Bezirk Gänserndorf befindet, sorgt regelmäßig für falsche Assoziationen. Denn der Name hat keinen Bezug zur bekannten Hunderasse, sondern geht aller Wahrscheinlichkeit nach auf einen Personennamen zurück. Diese Beispiele zeigen, wie stark sich Bedeutungen im Laufe der Zeit verschieben können.
Zahlen und klingende Besonderheiten: Vierlings und Tausendblum
Neben Tier- und Landschaftsbezeichnungen finden sich auch Zahlen in der niederösterreichischen Ortslandschaft. Vierlings in der Gemeinde Schweiggers oder Fünfling in St. Oswald bei Melk sind Beispiele dafür, wie Siedlungen einst benannt wurden. Solche Namen könnten auf die Anzahl von Höfen, Bewohnerinnen und Bewohnern oder auf Besitzstrukturen hinweisen.
Tausendblum in der Gemeinde Neulengbach hebt sich durch seinen besonders klangvollen Namen ab. Die Bezeichnung wirkt beinahe poetisch und dürfte auf einen Flurnamen oder landschaftliche Eigenschaften zurückgehen. Auch wenn die genaue Herkunft nicht immer eindeutig dokumentiert ist, lassen solche Namen Rückschlüsse auf die Wahrnehmung der Landschaft durch frühere Generationen zu.
Sprachwandel verändert die Wirkung der Ortsnamen
Besonders deutlich wird der Einfluss des Sprachwandels bei Namen wie Großpoppen und Kleinpoppen im Waldviertel. Was heute ungewöhnlich wirkt, lässt sich oft auf althochdeutsche Personennamen zurückführen. Der Rufname „Poppo“ ist eine Kurzform von Namen, die mit „Bot-“ beginnen. Neben Personennamen haben auch mittelalterliche Hof- und Siedlungsbezeichnungen zahlreiche Ortsnamen geprägt. Typisch sind Endungen wie -hof / -hofen, -heim und -hausen / -husen.
Auch Fleischessen in der Gemeinde Kilb im Bezirk Melk zählt zu diesen Beispielen. Der Name wirkt aus heutiger Sicht ungewöhnlich, dürfte aber ursprünglich auf Besitzverhältnisse oder wirtschaftliche Tätigkeiten zurückgehen. Kleinere Orte wie Nest in der Gemeinde Altlengbach oder Busendorf in Mank zeigen, dass auch schlichte Begriffe Eingang in die Ortsnamen gefunden haben.
Mit Groß Radischen in der Gemeinde Eisgarn, Edelprinz in Waidhofen an der Thaya oder St. Corona im Bezirk Neunkirchen finden sich weitere Beispiele, die durch ihren Klang hervorstechen. Bösenneunzen in der Gemeinde Zwettl gehört ebenfalls zu jenen Namen, deren Bedeutung heute nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden kann.







