Die SPÖ NÖ hat im November 2025 den „Guten Plan für Niederösterreich“ vorgelegt, ein 48-seitiges Reformkonzept mit Vorschlägen zu Energie, Wohnen, Gesundheit und Arbeit. Zentrale Vorschläge betreffen eine Neuausrichtung der EVN, die Einführung eines Bodenfonds und eine Umstrukturierung im Gesundheitsbereich. Im Gespräch mit NÖ Aktuell schildern Sven Hergovich und Hannes Weninger, wie das Zukunftsprogramm entstanden ist und wie die vorgeschlagenen Maßnahmen konkret umgesetzt und finanziert werden sollen.
NÖ Aktuell: Wie würden Sie jemandem, der den „NÖ-Plan“ noch nicht gelesen hat, erklären, wofür er steht?
Sven Hergovich: Der NÖ-Plan steht für ein Niederösterreich, in dem das Leben wieder leistbar ist und in dem Politik die konkreten Probleme der Leute im Land löst. Er enthält klare Vorschläge zu Energie, Wohnen, Gesundheit, Kinderbetreuung und zur finanziellen Entlastung der Gemeinden. Kurz gesagt: Der NÖ-Plan zeigt, wie wir den Alltag der Menschen spürbar verbessern können.
NÖ Aktuell: Warum ist der „NÖ-Plan“ genau jetzt wichtig?
Hannes Weninger: Weil viele Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher das Gefühl haben, dass alles teurer wird, aber nichts besser. Hohe Energiepreise, steigende Wohnkosten, Druck auf Gemeinden und eine Gesundheitsversorgung, die immer weiter ausgedünnt wird – das sind keine Zukunftsfragen, das ist Alltag. Der NÖ-Plan ist unsere Antwort darauf: fundiert, realistisch und mit einer klaren Gegenfinanzierung. Gerade jetzt braucht es einen Plan, der nicht verwaltet, sondern gestaltet.
Sven Hergovich ist seit 2023 Landesparteivorsitzender der SPÖ Niederösterreich und Kontroll-Landesrat für Baurecht. Von 2018 bis 2023 leitete er das AMS Niederösterreich, baute dort Expertise im Arbeitsmarktbereich auf – zentral für den „Guten Plan für NÖ“ mit seinen Beschäftigungsinitiativen wie die Arbeitsplatzgarantie Marienthal. Sein Volkswirtschaftsstudium und frühes SPÖ-Engagement unterstreichen die sozial-wirtschaftliche Ausrichtung des Plans
Hannes Weninger ist seit März 2023 Klubobmann der SPÖ-Landtagsfraktion Niederösterreich und Abgeordneter im NÖ Landtag. Zuvor prägte er die regionale Politik als Bezirksvorsitzender der SPÖ Mödling und als Landtagsabgeordneter.
NÖ Aktuell: Wenn Sie den Plan auf eine Kernbotschaft reduzieren müssten: Wie würde sie lauten?
Sven Hergovich: Niederösterreich kann mehr – wenn man die richtigen Prioritäten setzt: leistbares Leben, starke Gemeinden und eine Politik, die für die Menschen arbeitet, nicht an ihnen vorbei.
Mehr als 100 Expertinnen und Experten an der Entstehung des NÖ-Plan beteiligt
NÖ Aktuell: Wie ist der „NÖ-Plan“ entstanden und können Sie mehr über die 114 Expertinnen und Experten erzählen, die mitgearbeitet haben?
Hannes Weninger: Der NÖ-Plan ist aus vielen Gesprächen unserer Abgeordneten mit 114 Expertinnen und Experten aus Praxis, Wissenschaft, Gemeinden, Sozial- und Gesundheitsbereich, Energie- und Wohnbau sowie aus der Wirtschaft entstanden. Das sind Menschen, die wissen, wo es im Alltag hakt und die konkrete Lösungsansätze formuliert haben. Der Plan ist also das Ergebnis von Erfahrung, Fachwissen und dem klaren Ziel, wirtschaftlich sinnvolle und sozial gerechte Politikansätze für Niederösterreich zu entwickeln.
NÖ Aktuell: Was hat sich seit der Vorstellung des NÖ-Plans Mitte November getan? Wie ist die Resonanz? Gibt es bereits erste Erfolge?
Sven Hergovich: Die Resonanz ist enorm. Wir bekommen Rückmeldungen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Gemeinderätinnen und Gemeinderäten, Organisationen und vor allem von hunderten Bürgerinnen und Bürgern, die sagen: Endlich spricht jemand das an, was uns wirklich beschäftigt. Über 35.000 Exemplare sind bereits im Umlauf, dazu kommen unzählige Rückmeldungen per Mail und Social Media. Ein erster Erfolg ist sicher, dass zentrale Themen wie leistbare Energie, Wohnen und die finanzielle Lage der Gemeinden wieder ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Offenes Beteiligungsmodell soll breite Debatte anregen
NÖ Aktuell: Wurden Sie auch mit Kritik konfrontiert? Und wenn ja, was antworten Sie darauf?
Hannes Weninger: Natürlich sorgt ein Plan für Fragen, Diskussionen und zusätzliche Wünsche – und das ist auch gut so. Meine Antwort ist immer dieselbe: Der NÖ-Plan war von Beginn an als politisches Beteiligungsmodell konzipiert. Wir stellen uns dieser Debatte offen und lassen gute Ideen selbstverständlich mit einfließen. Der NÖ-Plan ist ein wachsendes Programm, das die Diskussion aktiv sucht, um noch besser zu werden.
NÖ Aktuell: Was entgegnen Sie Menschen, die sagen: „So ein umfassender Plan klingt schön, ist aber unrealistisch“?
Sven Hergovich: Ich sage: Unrealistisch ist es, so weiterzumachen wie bisher. Unrealistisch ist es zu glauben, dass steigende Kosten, überlastete Gemeinden und Lücken in der Gesundheitsversorgung von selbst verschwinden. Der NÖ-Plan zeigt konkrete Schritte und eine klare Gegenfinanzierung. Er ist ambitioniert, ja – aber genau das braucht es, wenn man Niederösterreich zukunftsfit machen will.
NÖ Aktuell: Der NÖ-Plan adressiert viele aktuelle Probleme. Welches sehen Sie als das drängendste, und wie hilft der Plan, sie zu lösen?
Hannes Weninger: Das drängendste Problem ist für viele Menschen die Leistbarkeit des Alltags. Energie, Wohnen, Kinderbetreuung – alles wird teurer. Der NÖ-Plan setzt genau dort an: mit sinkenden Energiepreisen, mehr leistbarem Wohnraum, kostenlosen Kindergärten und einer faireren Finanzierung für Gemeinden. Das ist kein Einzelthema, das ist eine Frage der Lebensqualität – und genau darum geht es im NÖ-Plan.
Hohes Einsparpotenzial bei Landesgesellschaften und Bürokratie
NÖ Aktuell: Wie würde der Plan den Menschen in NÖ konkret im Alltag helfen? Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Niederösterreicher:innen?
Sven Hergovich: Der größte Druck im Alltag entsteht dort, wo Fixkosten explodieren: bei Energie, Wohnen, Kinderbetreuung und Gesundheit. Genau dort setzt der NÖ-Plan an. Sinkende Energiepreise, mehr leistbarer Wohnraum, kostenlose Kindergärten und eine verlässliche Gesundheitsversorgung bedeuten ganz konkret mehr Geld am Monatsende und mehr Sicherheit im Alltag. Die größte Herausforderung ist derzeit, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie stemmen immer mehr – während öffentliche Leistungen ausgedünnt werden. Das wollen wir umdrehen.
NÖ Aktuell: Der NÖ-Plan finanziert sich durch 340 Mio. € Einsparungen – z. B. durch eine Reform der Landeskrankenanstalten im Umfang von 100 Mio. €. Welche dieser Einsparmaßnahmen würden Sie zuerst starten?
Hannes Weninger: Ich würde dort beginnen, wo am meisten Geld im System gebunden ist und gleichzeitig die größten Effizienzpotenziale liegen – bei den Landesgesellschaften, allen voran im Gesundheitsbereich. Eine Reform der LGA bedeutet nicht weniger Versorgung, sondern bessere Steuerung, weniger Doppelgleisigkeiten und mehr Transparenz. Jeder Euro, den wir dort einsparen, kann direkt wieder in Personal, kürzere Wartezeiten und bessere Versorgung fließen.
NÖ Aktuell: Wie realistisch sehen Sie die Umsetzung dieser Einsparungen in der aktuellen politischen Zusammenarbeit? Gerade die Landesgesellschaften in NÖ gelten als intransparent und wenig effizient.
Sven Hergovich: Realistisch ist sie dann, wenn der politische Wille da ist. Die Intransparenz und Ineffizienz sind kein Naturgesetz, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. Als Kontroll-Landesrat sehe ich täglich, dass es Reformpotenzial gibt. Der NÖ-Plan legt dieses offen auf den Tisch. Ob es umgesetzt wird, hängt davon ab, ob man an bestehenden Strukturen festhält – oder ob man bereit ist, Verantwortung gegenüber den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern zu übernehmen.
„Gute Ideen gehören umgesetzt – unabhängig davon, von wem sie kommen“
NÖ Aktuell: In der Vergangenheit war die SPÖ NÖ stets an konstruktiver Zusammenarbeit interessiert. Wie würden Sie die Bereitschaft zur Umsetzung der Maßnahmen im NÖ-Plan einschätzen?
Hannes Weninger: Unser Zugang ist klar: Gute Ideen gehören umgesetzt – unabhängig davon, von wem sie kommen. In der Vergangenheit haben wir durch viele gemeinsame Beschlüsse immer gezeigt, dass konstruktive Zusammenarbeit möglich ist. Gleichzeitig sage ich offen: Viele Probleme bestehen deshalb weiter, weil Entscheidungen vertagt oder verwässert wurden. Der NÖ-Plan ist ein Angebot zur Zusammenarbeit, aber auch eine klare Einladung, endlich entschlossen zu handeln.
Finanzielle Entlastung im Alltag als oberste Priorität
NÖ Aktuell: Angenommen, Sie hätten eine entsprechende Mehrheit in NÖ: Welche Maßnahme würden Sie zuerst anstoßen und woran würden Bürger:innen merken, dass der NÖ-Plan wirkt?
Sven Hergovich: Ich würde sofort bei der Entlastung im Alltag ansetzen – konkret bei Energiepreisen und Kinderbetreuung. Wenn Menschen merken, dass ihre Stromrechnung sinkt, der Kindergarten nichts mehr kostet und die Gemeinde wieder investieren kann, dann spürt man Politik unmittelbar. Genau daran würden die Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher erkennen: Der NÖ-Plan ist kein Papier für die Lade, sondern ein Plan, der wirkt.

Energiepreise: Reduktion um die Hälfte des derzeitigen Preises möglich
NÖ Aktuell: Der NÖ-Plan sieht vor, die Übergewinne der EVN an die Konsumentinnen und Konsumenten rückzuverteilen. Wie könnte das konkret aussehen? Wie viel würde sich ein Haushalt in NÖ dadurch sparen?
Sven Hergovich: Unser Ansatz ist klar: Wenn ein Energieunternehmen wie die EVN, das sich mehrheitlich im Landesbesitz befindet, in Krisenjahren massive Übergewinne macht, dann sollen diese auch wieder bei den Menschen ankommen. Konkret schlagen eine Preissenkung vor. Nur eine Milliarde der 1,5 Milliarden Gewinn in den letzten 3 Jahren würde eine Entlastung der niederösterreichischen Haushalte und Klein- und Mittelbetriebe um etwa die Hälfte des derzeitigen Preises bedeuten. Das ist kein Bonus, sondern eine faire Rückgabe von Geld, das die Menschen zuvor zu viel bezahlt haben.
NÖ Aktuell: Ihr Vorschlag ist es, Energiegemeinschaften wie in Trumau (12 Cent/kWh garantiert) in ganz NÖ auszurollen. Gibt es dazu bereits konkrete Pläne? Können Sie erklären, was dieses Projekt so besonders macht?
Hannes Weninger: Das Projekt in Trumau zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn Gemeinden, Bürgerinnen und Bürger sowie Betriebe gemeinsam handeln. Dort wird regional erzeugter Strom über eine Energiegemeinschaft zu einem fixen Preis von 12 Cent pro Kilowattstunde weitergegeben – langfristig planbar und unabhängig von internationalen Krisen. Unser Ziel ist es, dieses Modell landesweit zu ermöglichen: mit klaren rechtlichen Rahmenbedingungen, Anschubfinanzierungen und aktiver Unterstützung für Städte und Gemeinden. Besonders ist daran, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt, Energie leistbar wird und Gemeinden selbst Teil der Lösung sind. Genau solche Modelle machen den NÖ-Plan aus: praxiserprobt, sozial gerecht und sofort umsetzbar.
Gesundheit und Pflege: Orientierung an Best-Practice-Beispielen aus Österreich und Europa
NÖ Aktuell: Der Plan sieht vor, das burgenländische Modell zur Anstellung pflegender Angehöriger nach NÖ zu holen. Wo sehen Sie die größten Vorteile des Modells?
Hannes Weninger: Wir haben im NÖ-Plan über den Tellerrand geblickt und nach Best-Practice-Beispielen in anderen Bundesländern bzw. anderen Ländern gesucht. So haben wir uns im Pflegebereich bewusst am burgenländischen Modell orientiert, das bereits erprobt ist, gut funktioniert und pflegende Angehörige endlich als das anerkennt, was sie sind: ein unverzichtbarer Teil unseres Pflegesystems.
Wir wollen das Modell flächendeckend anbieten, mit klaren Qualitätsstandards, sozialer Absicherung und der Möglichkeit, Pflege und Beruf besser zu vereinbaren. Der größte Vorteil liegt auf der Hand: Pflegende Angehörige bekommen ein Einkommen, sind sozialversichert und werden entlastet – und gleichzeitig können viele Menschen länger gut betreut zu Hause bleiben. Das ist menschlich richtig und volkswirtschaftlich sinnvoll.
NÖ Aktuell: Um die medizinische Versorgung in NÖ zu verbessern, setzen Sie sich für eine gemeinsame Versorgungsregion Ost ein. Wie genau könnten Ärztemangel und lange Arztwege dadurch entschärft werden?
Sven Hergovich: Der Ärztemangel macht nicht an Landesgrenzen halt – unsere Lösungen dürfen das auch nicht. Eine gemeinsame Versorgungsregion Ost würde ermöglichen, Ressourcen besser zu bündeln: gemeinsame Bedarfsplanung, abgestimmte Kassenstellen, Kooperationen zwischen Spitälern und niedergelassenem Bereich sowie eine faire Abgeltung von Gastpatientinnen und -patienten.
Konkret heißt das: mehr Kassenärzt:innen dort, wo sie tatsächlich gebraucht werden, kürzere Wege für Patient:innen und weniger Überlastung einzelner Standorte. Für die Menschen zählt nicht, welches Bundesland zuständig ist – sie wollen rasch und gut versorgt werden. Genau dafür steht dieser Vorschlag im NÖ-Plan.
Grundstücksfonds als Grundlage für leistbares Wohnen
NÖ Aktuell: Weshalb braucht es aus Ihrer Sicht einen „Bodenfonds“? Was meinen Sie damit konkret und wie würde dieser Fonds in der Praxis funktionieren?
Sven Hergovich: Grund und Boden sind keine beliebige Ware, sondern die Grundlage für leistbares Wohnen. Genau hier setzt der Bodenfonds an. Die Idee ist, dass das Land Niederösterreich strategisch Grundstücke ankauft, sichert und Gemeinden für leistbaren Wohnbau, öffentliche Infrastruktur oder soziale Projekte zur Verfügung stellt.
In der Praxis bedeutet das: Gemeinden werden nicht mehr von spekulativen Bodenpreisen ausgebremst, sondern können langfristig planen. Der Boden bleibt in öffentlicher Hand, wird im Baurecht vergeben und entzieht sich damit der Spekulation. Das schafft dauerhaft leistbaren Wohnraum – nicht nur heute, sondern für kommende Generationen.

NÖ Aktuell: Welche Wirkung erwarten Sie von einer Leerstands-Abgabe in Niederösterreich? Gibt es für NÖ bereits konkrete Erhebungen, wie viele Objekte tatsächlich leer stehen?
Hannes Weninger: Eine Leerstands-Abgabe hat zwei klare Effekte: Sie schafft Anreize, bestehenden Wohnraum wieder zu nutzen und sie entlastet den Wohnungsmarkt, ohne einen Quadratmeter neu zu verbauen. Gerade in Ortskernen ist das ein entscheidender Hebel.
Für Niederösterreich gibt es bislang keine flächendeckende, transparente Leerstandserhebung – und genau das ist Teil des Problems. Der NÖ-Plan sieht daher vor, zuerst eine landesweite Erhebung zu schaffen und darauf aufbauend eine faire, zielgerichtete Abgabe einzuführen. Es geht nicht um Bestrafung, sondern darum, Wohnraum wieder dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird – zu den Menschen.
Neue Beschäftigungsinitiativen für bessere Chancen am Arbeitsmarkt
NÖ Aktuell: Die Jobgarantie (MAGMA-Modell) wird im NÖ-Plan als Vorbild beschrieben und wurde international ausgezeichnet. Was macht dieses Projekt so besonders?
Sven Hergovich: Das Besondere an der Jobgarantie in Gramatneusiedl war ihre Einfachheit und Wirksamkeit: Wer länger arbeitslos ist, bekommt ein echtes, kollektivvertraglich bezahltes Dienstverhältnis mit sinnvollen Tätigkeiten – statt Warteschleifen und Kursen ohne Perspektive.
Das MAGMA-Modell hat gezeigt, dass Langzeitarbeitslosigkeit kein persönliches Versagen ist, sondern eine politische Gestaltungsfrage. Die Erfolge waren messbar: deutlich weniger Langzeitarbeitslosigkeit, bessere gesundheitliche Situation der Betroffenen und langfristig sogar geringere Kosten für die öffentliche Hand. Deshalb wurde das Projekt auch international ausgezeichnet.
NÖ Aktuell: Warum wurde das Projekt Ihrer Meinung nach trotz belegter Erfolge von der ÖVP/FPÖ-Regierung beendet?
Hannes Weninger: Weil es nicht ins Weltbild der schwarz-blauen Landeskoalition passt. Die Jobgarantie hat bewiesen, dass aktive Arbeitsmarktpolitik wirkt – das widerspricht aber der Erzählung, dass Arbeitslosigkeit vor allem die individuelle Schuld der Betroffenen ist.
Statt auf Evidenz und Erfolge zu schauen, wurde ein funktionierendes Modell aus politischen Gründen eingestellt. Das ist besonders bitter, weil gerade jene Menschen betroffen sind, die am dringendsten Unterstützung brauchen.
NÖ Aktuell: Inwiefern unterscheiden sich die nachfolgenden Maßnahmen der schwarz-blauen Koalition in NÖ von der Jobgarantie Gramatneusiedl? Wo sehen Sie Verbesserungspotential?
Sven Hergovich: Die aktuellen Maßnahmen setzen stark auf kurzfristige Beschäftigungsprogramme und Aktivierung ohne echte Jobperspektive. Der zentrale Unterschied zur Jobgarantie ist: Es fehlt die Verbindlichkeit.
Bei MAGMA gab es ein echtes Dienstverhältnis mit sozialer Absicherung und Sinnstiftung. Verbesserungspotenzial sehe ich vor allem darin, wieder auf langfristige, stabile Beschäftigung zu setzen – in Kooperation mit Gemeinden, sozialen Einrichtungen und regionalen Betrieben. Arbeitsmarkt-Politik muss Perspektive geben und nicht nur Statistiken sehen.
„Verfehlte Standortpolitik“: Neue Impulse für zeitgemäße Arbeitsmarktpolitik
NÖ Aktuell: Die Arbeitslosenzahlen in NÖ steigen seit Monaten an. Wo sehen Sie mögliche Ursachen?
Hannes Weninger: Wir sehen eine Mischung aus konjunktureller Abkühlung, steigenden Lebenshaltungskosten und einer verfehlten Standort- und Arbeitsmarktpolitik. Viele Betriebe investieren zurückhaltender, während gleichzeitig Qualifizierungs- und Beschäftigungsprogramme gekürzt oder zurückgefahren wurden.
Besonders betroffen sind Menschen mit geringer formaler Ausbildung, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Langzeitarbeitslose. Genau hier hätte das Land gegensteuern müssen – hat es aber nicht getan.
NÖ Aktuell: Wie sieht eine zeitgemäße Arbeitsmarktpolitik für Niederösterreich nach Ihrer Vorstellung aus?
Sven Hergovich: Zeitgemäße Arbeitsmarktpolitik heißt: Menschen in den Mittelpunkt stellen, nicht Zahlen. Das bedeutet Qualifizierung für Zukunftsbranchen, aktive Beschäftigungsprogramme wie eine Jobgarantie, enge Zusammenarbeit mit Gemeinden und Betrieben sowie gezielte Unterstützung für jene, die es am schwersten haben.
Arbeit ist mehr als Einkommen – sie bedeutet Teilhabe und Würde. Der NÖ-Plan zeigt, wie Niederösterreich hier wieder Vorreiter sein kann, wenn man bereit ist, mutig und vorausschauend zu handeln.
Gratiskindergaren als Investition in Chancengerechtigtkeit
NÖ Aktuell: Was spricht aus Ihrer Sicht für einen Gratiskindergarten ab dem ersten Lebensjahr?
Sven Hergovich: Als junger Papa weiß ich, wie entscheidend die ersten Lebensjahre sind – für die Entwicklung der Kinder, aber auch für den Alltag der Eltern. Ein Gratiskindergarten bedeutet echte Wahlfreiheit: Eltern können entscheiden, ob und wann sie wieder arbeiten gehen, ohne dass die Betreuungskosten das Familienbudget auffressen.
Gleichzeitig profitieren die Kinder durch frühe Förderung und soziale Kontakte. Für mich ist das eine Investition in Chancengerechtigkeit – und eine große Entlastung für junge Familien.
NÖ Aktuell: In NÖ ist die Nachmittagsbetreuung zum Großteil mit hohen Kosten verbunden. Wie kann die Betreuung am Nachmittag flächendeckend sichergestellt werden?
Hannes Weninger: Viele Familien spüren das jeden Monat am Konto. Ganztägige Betreuung darf kein Luxus sein. Wir brauchen landesweit einheitliche, leistbare Modelle – mit klarer Finanzierung durch das Land und fairen Rahmenbedingungen für Städte und Gemeinden. Wenn Nachmittagsbetreuung verlässlich und leistbar ist, gewinnen alle – die Kinder durch mehr Zeit in guter Betreuung, die Eltern durch Planungssicherheit und die Gemeinden durch stärkere Familienfreundlichkeit. Genau das sieht der NÖ-Plan vor.
NÖ Aktuell: Ist NÖ aus Ihrer Sicht für Familien attraktiv? Was könnte man besser machen?
Sven Hergovich: Niederösterreich hat viele Stärken für Familien: Viel Lebensraum, Natur, starke Gemeinden, engagierte Pädagoginnen und Pädagogen. Aber es wird zunehmend schwieriger, Familie und Beruf gut zu vereinbaren. Was wir besser machen müssen: Kostenlose Kinderbetreuung, leistbare Nachmittagsangebote, kurze Wege und verlässliche Öffnungszeiten. Familien brauchen Verlässlichkeit – und genau dafür steht der NÖ-Plan.
„Konkrete, durchgerechnete Lösungen“ für die drängendsten Probleme in Niederösterreich
NÖ Aktuell: Welches im NÖ-Plan angesprochene Themenfeld finden Sie persönlich am dringendsten und warum?
Sven Hergovich: Für mich ist das Thema Leistbarkeit des Alltags am dringendsten – Energie, Wohnen, Kinderbetreuung. Das betrifft heute fast jede Familie und jeden Haushalt in Niederösterreich.
Als jemand, der selbst erlebt, was Fixkosten bedeuten, weiß ich: Wenn am Monatsende kaum Spielraum bleibt, geht es um Sicherheit und Zukunftsplanung. Genau deshalb war mir wichtig, dass der NÖ-Plan hier konkrete, durchgerechnete Lösungen anbietet.
NÖ Aktuell: Können Sie erklären, wie diese Lösungen entstanden sind? Und welche Menschen haben Sie mit ihren Ideen am meisten beeindruckt?
Hannes Weninger: Es waren so viele, die sich bei der Entwicklung des NÖ-Plans eingebracht haben und es sind noch viele mehr, die sich jetzt in den Regionen am Partizipationsprozess beteiligen – ob in regionalen Diskussionen oder über unsere Homepage nötigfürnö.at.
NÖ Aktuell: Gibt es Vorschläge, die Ihnen besonders am Herzen liegen?
Sven Hergovich: Ja – alles, was Gemeinden stärkt. Niederösterreich lebt von seinen Gemeinden, von kurzen Wegen und vom Zusammenhalt vor Ort. Ob es um leistbare Energie, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung oder Ortskernbelebung geht: Wenn Gemeinden finanziell und strukturell handlungsfähig sind, profitieren die Menschen direkt.
Als Niederösterreicher ist mir wichtig, dass Politik nicht abstrakt bleibt, sondern dort wirkt, wo die Menschen leben. Genau das ist für mich der Kern des NÖ-Plans.
Strukturelle Reformen gegen die anhaltende Teuerung
NÖ Aktuell: Die Teuerung bleibt weiterhin eines der bestimmenden Themen in der öffentlichen Diskussion. Reagiert der Plan auf die aktuelle Energiekrise und die hohe Inflation? Wenn ja, wie?
Sven Hergovich: Ja, ganz klar. Der NÖ-Plan ist eine direkte Antwort auf Energiekrise und Inflation. Er setzt dort an, wo die Teuerung am stärksten spürbar ist: bei Strompreisen, Wohnen, Kinderbetreuung und Mobilität.
Konkret durch die Rückverteilung von EVN-Übergewinnen, den Ausbau von Energiegemeinschaften mit fixen, niedrigen Preisen, kostenlose Kinderbetreuung und eine faire Finanzierung der Gemeinden. Das entlastet Haushalte unmittelbar und stabilisiert gleichzeitig die regionale Wirtschaft. Der Plan wirkt also nicht kurzfristig kosmetisch, sondern strukturell gegen die Teuerung.
NÖ Aktuell: Der Plan fordert einen Öffi-Ausbau im 15-Min-Takt: Welche Regionen würden davon besonders profitieren?
Hannes Weninger: Besonders profitieren würden die prosperierenden Wirtschaftszentren, aber auch die ländlichen Regionen im ganzen Land. Ein dichter Takt bedeutet weniger Abhängigkeit vom Auto, niedrigere Mobilitätskosten und bessere Erreichbarkeit von Arbeit, Ausbildung und Betreuung. Gerade für Pendlerinnen und Pendler, Jugendliche und ältere Menschen wäre das ein echter Gewinn an Lebensqualität.
Mitreden und einbringen: Der NÖ-Plan lädt zum Mitgestalten ein
NÖ Aktuell: Welchen ersten Schritt können Leserinnen und Leser jetzt setzen, um die im Plan vorgestellten Maßnahmen zu unterstützen und voranzutreiben?
Sven Hergovich: Der wichtigste Schritt ist, sich einzubringen und mitzureden. Den NÖ-Plan lesen, weitergeben, diskutieren – in der Familie, im Freundeskreis, im Verein oder in der Gemeinde. Politik verändert sich, wenn viele sagen: Das ist uns wichtig. Der NÖ-Plan ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern eine Einladung zur Beteiligung. Je mehr Menschen ihn unterstützen, desto größer wird der Druck, diese Maßnahmen auch umzusetzen.
Der „Gute Plan für Niederösterreich“ ist ein 48-seitiges Zukunftsprogramm, das von 114 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft & Zivilgesellschaft erarbeitet wurde.
Kernmaßnahmen: Kostenlose Kinderbetreuung, sinkende Energiepreise durch EVN-Gewinnrückgabe, NÖ-Bodenfonds für leistbares Wohnen und Leerstandsabgabe.
Finanzierung: 340 Mio. € Einsparungen stehen Ausgaben in der Höhe von 272 Mio. € gegenüber
Download des kompletten Plans unter nötigfürnö.at/der-gute-plan-fuer-niederoesterreich
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