Eine Pflegefachkraft des Pflegeheims Korneuburg berichtet von massiver Überlastung und Zuständen, unter denen eine angemessene Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner aus ihrer Sicht nicht mehr gewährleistet gewesen sei. Nachdem sie intern auf die Situation aufmerksam gemacht hatte, erhielt sie die Kündigung. Steckt hinter diesen Missständen im Pflegesystem strukturelles Versagen?
Die Pflegefachkraft Lisa F. schildert in einem persönlichen Bericht, dass sich die Betreuungssituation insbesondere zu Jahresbeginn deutlich verschärft habe. Interne Hinweise über Missstände an Vorgesetzte seien laut ihren Angaben ohne spürbare Verbesserungen geblieben. Schließlich habe sie sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Sie dokumentierte einen kompletten 12-Stunden-Dienst detailliert und leitete das Protokoll an mehrere zuständige Institutionen weiter, darunter der Zentralbetriebsrat, die Patientenanwaltschaft sowie zuständige Behörden des Landes.
Dieser Schritt sei aus ihrer Sicht notwendig gewesen, weil das Vertrauen in interne Lösungen gefehlt habe. Kurz darauf sei es zur Kündigung gekommen.
Berichte über massive Überlastung
Die im Protokoll geschilderten Zustände zeichnen laut Darstellung der Pflegefachkraft ein Bild erheblicher personeller Engpässe. Bewohnerinnen und Bewohner seien sich über längere Zeiträume selbst überlassen worden, teilweise unter unzureichenden und untragbaren hygienischen Bedingungen. Die Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme sei ebenfalls oft nicht möglich gewesen, gleichzeitig habe das Risiko einer Dehydrierung zugenommen.
Auch medizinische Tätigkeiten hätten unter hohem Zeitdruck stattfinden müssen. Medikamentengaben und Blutzuckermessungen seien laut Bericht häufig parallel zu anderen Aufgaben erfolgt, wodurch die Belastung zusätzlich gestiegen sei. Zeitweise habe eine einzelne Pflegefachkraft bis zu zwölf Personen gleichzeitig betreuen müssen.
Neben der Situation für die Bewohnerinnen und Bewohner beschreibt die Pflegefachkraft auch die Arbeitsbedingungen als zunehmend problematisch. Körperlich belastende Tätigkeiten wie Transfers hätten oft ohne Unterstützung durchgeführt werden müssen. Der anhaltende Zeitdruck erhöhe aus ihrer Sicht das Risiko von Fehlern, mit möglichen Folgen für sowohl das Personal als auch die Bewohnerinnen und Bewohner.
„Das System funktioniert nur noch, weil Beschäftigte über ihre Grenzen gehen, auf Kosten ihrer Gesundheit und der Pflegequalität“, sagt SPÖ-Landeschef Sven Hergovich, der sich hinter die betroffene Pflegerin stellt und ein “zutiefst alarmierendes Gesamtbild” ortet. .
Zeitdruck und knappe Ressourcen als tägliche Herausforderung
Besonders eindrücklich schildert Lisa F. die täglichen Priorisierungsentscheidungen im Heim. Unter den gegebenen Bedingungen war es den Pflegekräften häufig nicht möglich, grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen. Sie mussten täglich entscheiden, wer gewaschen wird, wer im Bett bleibt und wer persönliche Zuwendung erhält.
Ein Erlebnis mit einer Heimbewohnerin habe sich bei der Pflegerin Lisa besonders eingeprägt. „Ich habe solche Angst, aber ich sehe doch, dass ihr keine Zeit für mich habt“, habe eine Bewohnerin zu ihr gesagt. Für die Pflegefachkraft zeigt dieser Moment, wie stark die Situation auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst wahrgenommen werde.
Politische Reaktionen: Forderungen nach Konsequenzen werden laut
Für Sven Hergovich ist der Fall kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Versagens. Er verweist auf jahrelange Berichte über chronischen Personalmangel und die wachsende Überlastung von Pflegekräften in Niederösterreich.
Die SPÖ Niederösterreich erhöht nun den Druck: Sie fordert verbindliche Personalaufbaupläne und gesetzlich festgeschriebene Personalschlüssel – Maßnahmen, die laut Hergovich längst überfällig sind.
Auch die Abschaffung von 12-Stunden-Diensten sowie ein besserer Schutz für Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber werden gefordert. Zudem spricht sich die Partei für unabhängige und unangekündigte Kontrollen in Pflegeeinrichtungen aus. Mehr Transparenz über die tatsächliche Belastungssituation sei aus Sicht der Partei eine zentrale Voraussetzung für Verbesserungen.
Fokus auf Landesgesundheitsagentur
Im Zentrum der aktuellen Debatte steht die Landesgesundheitsagentur, die zahlreiche Pflegeeinrichtungen in Niederösterreich betreibt. SPÖ-Landeschef Sven Hergovich fordert eine lückenlose und transparente Aufklärung der Vorwürfe. Dabei gehe es nicht nur um die geschilderten Missstände, sondern auch um den Umgang mit der Pflegefachkraft Lisa F.
Die Kündigung müsse überprüft werden, so Hergovich. „Wer Missstände anspricht, darf nicht bestraft werden, sondern muss geschützt werden“, betont er.
Darüber hinaus spricht sich Hergovich für die Einberufung eines Pflegegipfels aus. . Ziel sei es, Vertreterinnen und Vertreter aus Pflegepraxis, Politik und Verwaltung an einen Tisch zu bringen, um konkrete Verbesserungen zu erarbeiten.







