Am 30. Jänner 1889 kam es im Jagdschloss Mayerling bei Wiener Neustadt zu einem folgenschweren Ereignis: Kronprinz Rudolf, Sohn von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth, erschoss seine Geliebte Mary Vetsera und sich selbst. Das Kaiserhaus versuchte, die Ereignisse zu vertuschen und nährte damit Spekulationen, die bis heute anhalten. Das Schloss Mayerling in Niederösterreich bleibt ein Symbol dieser Tragödie, die einst die Monarchie erschütterte.
Thronfolger Rudolf: Zwischen Hofetikette und Erwartungsdruck
Rudolf von Habsburg wurde im August 1858 geboren. Er war der einzige Sohn von Kaiser Franz Joseph I. und der als Sisi bekannten Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn. Vater Franz befahl schon früh eine strenge militärische Erziehung des jungen Thronfolgers, denn er sollte ein würdiger Nachfolger werden. Der erst sechsjährige Rudolf musste stundenlang bei Wind und Wetter militärische Übungen wiederholen, was sich zunehmend auf seine Gesundheit auswirkte. Als Rudolf vermehrt krank wurde, sprach Kaiserin Sisi schließlich ein Machtwort und brach die raue Ausbildung ihres Sohnes ab. Von da an vertiefte sich Rudolf in Bücher und entwickelte eine ausgeprägte Liebe zur Wissenschaft. Die traumatisierenden Erfahrungen seiner Kindheit sollten ihn aber bis zu seinem Tod begleiten.

Ein Kronprinz als Außenseiter
Rudolf zeigte sich sehr politikinteressiert, engagierte sich für sozial Benachteiligte und kritisierte die Vormachtstellung des Adels und der Kirche. Damit machte er sich bei seinem Vater äußerst unbeliebt. Rudolf versuchte, durch anonyme Publikationen in Zeitungen politischen Einfluss zu nehmen – erfolglos. Diese Hilflosigkeit machte ihm zunehmend zu schaffen, wie er in einem Brief zu seinem 30 Geburtstag festhielt:
„Viel Zeit ist vorüber, mehr oder weniger nützlich verbracht, doch leer an wahren Taten und Erfolgen…“
Auch abgesehen von der Politik hatte Rudolf Schwierigkeiten, im Leben Fuß zu fassen. Gefühle der Unsicherheit und Lustlosigkeit begleiteten ihn schon seit Kindheitstagen. Auch seine Ehe mit Stephanie aus Belgien, die er 1881 auf Drängen seines Vaters hin heiratete, verlief unglücklich. Mit 28 Jahren erkrankte Rudolf an Gonorrhö, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich daraufhin zunehmend.
Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera: Schüsse auf Schloss Mayerling
Im November lernte Rudolf die 17-jährige Baronesse Mary Vetsera kennen. Mary war auf Anhieb verliebt und wenig später begannen beide eine Affäre. Am 28. Jänner 1889, zogen sie sich gemeinsam in Rudolfs Jagdschloss im Wienerwald zurück. In der Nacht auf den 30. Jänner soll der Kammerdiener lange, ernste Gespräche gehört haben. Ihm befahl Rudolf am frühen Morgen, die Pferde einzuspannen. Kurz darauf waren zwei Schüsse zu hören und Pulvergeruch lag in der Luft. Der Kammerdiener eilte zurück und fand Mary und Rudolf leblos im Schlafzimmer vor.

Vertuschungsversuche der Habsburger
Mit dem Tod des Erzherzogs und seiner 13 Jahre jüngeren Geliebten begann eine Vertuschungsaktion, die in die Geschichte einging. Das Kaiserhaus ließ jegliche Dokumente vernichten, die im Zusammenhang mit dem Tod von Rudolf und Mary standen und verpflichtete Zeuginnen und Zeugen zum Schweigen. Außerdem wurde eine Nachrichtensperre verhängt, die verhindern sollte, dass sich Gerüchte verbreiten. Trotzdem oder gerade deshalb verbreiteten sich die Ereignisse wie ein Lauffeuer.

Während Rudolfs Leichnam rasch nach Wien überführt wurde, blieb Marys Leiche 36 Stunden lang in einer Kammer versteckt – selbst ihrer Mutter wurde der Zutritt verwehrt. Da man ihren Tod offiziell noch immer leugnete, sollte sie möglichst unauffällig begraben werden. Man zog Marys Leichnam ein Kleid an, setzte ihn aufrecht in eine Kutsche und beförderte ihn so aus dem Jagdschloss Mayerling. Am Friedhof in Heiligenkreuz wurde sie schlussendlich in einem schlichten Holzsarg im „Selbstmördereck“ begraben. Später ließ Marys Mutter eine Gruft anfertigen und den Leichnam neu beisetzen.
Vor Rudolfs Begräbnis wurde eine Obduktion angeordnet. Dabei wurde ein Nervenleiden „diagnostiziert“ – so konnte man den Selbstmord auf eine körperliche Erkrankung zurückführen und ein kirchliches Begräbnis abhalten. Nach der Aufbahrung wurde Rudolf schließlich am 5. Februar in der Kapuzinergruft beigesetzt, wo er bis heute neben seiner Mutter Sisi und seinem Vater Franz ruht.
Tragödie von Mayerling als Nährboden für Gerüchte
Über den genauen Ablauf des verhängnisvollen Morgen des 30. Jänner 1889 tummeln sich seit jeher Gerüchte. Die einen behaupteten, dass Mary Rudolf als todbringende Verführerin vergiftet habe. Andere sprachen von einer politisch motivierten Bluttat. Dieses Gerücht befeuerte Zita, die letzte Kaiserin Österreichs und Frau von Karl I., maßgeblich. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1989 beharrte Zita darauf, dass Mary und Rudolf Opfer eines politischen Mordes gewesen seien. Historiker Hannes Etzlstorfer sprach in einem Interview aber von einem “offensichtlichen Doppelselbstmord von Kronprinz Rudolf”.
Auch 130 Jahre nach der Tragödie ist die Beweislage dünn, am plausibelsten gilt jedoch die These eines Doppelselbstmords. Bereits ein Jahr zuvor soll Rudolf seine langjährige Geliebte Mizzi Caspar gefragt haben, ob sie mit ihm in den Tod gehen würde. Außerdem scheinen sich Rudolfs Depressionen mit zunehmendem Alter verstärkt zu haben. Er flüchtete sich vermehrt in Drogen und Alkohol.
Ein überraschender Fund erhärtete die Annahmen des mutmaßlichen Tathergangs: Im Jahr 2015 wurden, versteckt in einem Buchumschlag, Marys Abschiedsbriefe entdeckt. In ihren letzten Stunden in Mayerling schrieb sie an ihre Mutter:
„Liebe Mutter, verzeih mir was ich getan. Ich konnte der Liebe nicht wiederstehen (sic.).“

Die Verschleierung der Umstände durch das Kaiserhaus sorgt bis heute für eine Mystifizierung und bietet reichlich Platz für Verschwörungstheorien. So wurde beispielsweise Marys Grab 1991 von einem selbsternannten „Historiker“ geöffnet, der ihre Gebeine entwendete. Diese zeigte er Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit dem Ziel, die Todesursache von Mary endgültig klären zu können. Marys sterbliche Überreste bestätigten den Tod durch einen Kopfschuss. Der Dieb wollte schließlich seine „Erkenntnisse“ der Presse verkaufen und aus der Grabschändung Profit schlagen. Als der Raub entdeckt wurde, wurden Marys Gebeine wieder in Heiligenkreuz begraben, wo sie nun hoffentlich endgültig ruhen können.

Ehemaliges Jagdschloss Mayerling wird zum Kloster
Kurz nach dem Tod seines Sohnes, beschloss Kaiser Franz Joseph das Jagdschloss Mayerling in einen Ort des Gedenkens umzuwandeln. An dem Platz, an dem Rudolf und Mary tot aufgefunden wurden, ließ er eine Kapelle errichten. Bis heute steht auf dem Grundstück des ehemaligen Jagdschlosses ein Kloster. Direkt nebenan wurde 2014 ein Besucherzentrum erbaut, das durch Schautafeln und Ausstellungsstücke einen Einblick in das verhängnisvolle Frühjahr 1889 gibt.

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