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Erdbeerfelder in Niederösterreich: Warum viele selbst pflücken

Dominik Weissensteiner von Dominik Weissensteiner
2. Juli 2026
in Regionales
Lesezeit: 3 min zum Lesen
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Erdbeerfelder in Niederösterreich: Warum viele selbst pflücken

In Niederösterreich pflücken viele Leute noch selber Erbeeren, ein Gurnd ist wohl auch das Sommergefühl beim pflücken. CC RDNE Stock Project via Pexels.com

Kaum wird es Sommer, zieht es uns aufs Feld. Wir greifen zum Körbchen, knien uns zwischen die strohbedeckten Reihen und ernten, was wir genauso gut fertig gepflückt kaufen könnten. Die Sonne brennt im Nacken, und die erste große Erdbeere wandert natürlich sofort in den Mund. Es ist heiß, es ist mühsam, und doch kommen wir Jahr für Jahr wieder. Erstaunlich eigentlich, wie selbstverständlich uns das geworden ist. Gehen wir der Sache einmal nach.

Wie das Selberpflücken nach Niederösterreich kam

Vor hundert Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, fürs Pflücken zu zahlen, denn am Land erntete man ohnehin selbst, und was übrig blieb, verkaufte die Bäuerin als kleinen Nebenverdienst direkt am Hof. Dieser Nebenverdienst verschwand, als die Landwirtschaft sich modernisierte.  Erst Jahrzehnte später entdeckten die Höfe den direkten Draht zum Kunden wieder, und das Selberpflücken war eine dieser neuen Ideen. Die Erdbeere zum Selberpflücken fasste bei uns rasch Fuß. Maria Tempelmayr aus Gerersdorf etwa entdeckte 1983 nach der Matura die rote Frucht für sich und baute aus den elterlichen Getreidefeldern einen Hof auf, auf dem man heute selber pflückt. Manch einen packte die Leidenschaft noch heftiger. Franz Wunderlich, auf dessen Feldern man Erdbeeren selber pflücken kann, tauschte 1986 mit siebzehn sein Moped gegen die ersten 500 Erdbeerpflanzen, weil er unbedingt Erdbeerbauer werden wollte.

CC Adem Albayrak via Pexels.com

Erdbeeren pflücken heißt Sommer ernten

Selber ernten wir längst nicht alles. Niemand fährt aufs Feld, um Erdäpfel auszugraben oder Zwiebeln zu ziehen. Die Erdbeere aber gehört zu einer kleinen, erlesenen Gesellschaft von Früchten, die wir uns gern selbst holen, zusammen mit Blumen, Lavendel und im Herbst Kürbissen. Was sie verbindet, ist mehr als Zufall. Sie alle lassen sich schlecht von Maschinen ernten und wollen von Hand gepflückt werden. Sie sind hübsch anzusehen und verströmen ihren Duft schon von Weitem. Und sie tragen ein Versprechen von Sommer, Sonne und Süße in sich. Eine Kartoffel tut das nun einmal nicht. Wer Erdbeeren pflückt, erntet eben nicht nur Obst, sondern ein kleines Stück Jahreszeit.

CC Elifin Atlasi via Pexels.com

Warum sich Selberpflücken trotzdem lohnt

Wirtschaftlich betrachtet ist das Selberpflücken ein schlechtes Geschäft. Die Fahrt, die Stunde in der prallen Sonne, der krumme Rücken, die wunden Knie, und am Ende zahlen wir pro Kilo fast so viel wie im Supermarkt. Warum tun wir es trotzdem? Weil wir in Wahrheit etwas anderes kaufen als Obst. Fachleute nennen es Erlebnisökonomie, also den Umstand, dass wir zunehmend für Erfahrungen zahlen statt für Dinge. Das Erdbeerfeld ist ein Musterbeispiel. Manche Höfe haben das ganz zu ihrem Modell gemacht, etwa Lehners Beeren in Stadt Haag, wo nach dem Pflücken ein Erlebnisgarten mit Spielplatz und Erdbeereis lockt. Wir gehen also nicht wegen der Beeren. Wir gehen wegen des Nachmittags. Die Beeren kommen obendrauf.

CC Kindel Media via Pexels.com

Der Geschmack der Kindheit

Womöglich pflücken wir gar nicht für heute, sondern für früher. Denn fragt man Menschen, warum sie aufs Feld fahren, landet man fast immer bei einer Erinnerung. Bei den roten Fingern von damals, dem Körbchen, das leerer blieb als der eigene Bauch, dem ersten Erstaunen darüber, dass diese Frucht tatsächlich auf dem Feld wächst und nicht im Regal entsteht. Für Kinder ist das Feld ein Paradies mit ausdrücklicher Nascherlaubnis, und solche Nachmittage vergisst man nicht. Vielleicht ist das der heimliche Motor hinter allem. Wir fahren nicht nur hinaus, um Erdbeeren zu holen, sondern um ein Gefühl wiederzufinden, das wir mit ihrem Geschmack verbunden haben, lange bevor wir über Preise nachdachten.

CC Jonathan Borba via Pexels.com

Social Media auf dem Feld

Seit einigen Jahren kommt etwas Neues dazu. Das Erdbeerfeld ist inzwischen auch ein Ort zum Fotografieren geworden. Die roten Früchte vor sattem Grün, das Körbchen im Sonnenlicht, das Kind zwischen den Reihen, der Hofhund im Hintergrund, all das ergibt ein Bild, das gern geteilt wird. Manche Höfe haben das längst erkannt und richten eigene Fotoecken ein, mit dekorierten Hintergründen und Halterungen fürs Handy, damit wirklich alle aufs Bild kommen. Was früher nur Ernte war, ist heute auch ein bisschen Bühne. Und ganz ehrlich, ein Körbchen frischer Erdbeeren macht sich auf jedem Foto besser als der Wocheneinkauf. So unsinnig es klingt, freiwillig für die eigene Ernte zu zahlen, so viel Sinn ergibt es auf dem Feld. Wir holen uns dort kein Schnäppchen, sondern ein Stück Sommer. Und vielleicht ist das der schönste Beweis dafür, dass nicht alles, was wir tun, sich rechnen muss. Manches muss einfach nur schmecken.

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Schlagworte: ErdbeerenGeschichtePflanzenRegionalSommer
Dominik Weissensteiner

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