Schloss Harmannsdorf im Bezirk Horn blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück: Aus einer mittelalterlichen Burganlage entstand um 1600 ein Renaissance-Wasserschloss. Internationale Bedeutung erlangte das Anwesen durch Bertha von Suttner. Die spätere Friedensnobelpreisträgerin schrieb dort ihren Antikriegsroman „Die Waffen nieder!“. Heute befindet sich das historische Schloss in Privatbesitz und dient als Ort für Veranstaltungen.
Wasserburg im Mittelalter: die Ursprünge der Gemeinde Harmannsdorf
Die Geschichte der Gemeinde Harmannsdorf lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Als möglicher Gründer des Ortes gilt der Kuenringer Hadmar IV. aus dem 13. Jahrhundert. Die Kuenringer, eines der bedeutendsten Adelsgeschlechter des Waldviertels, wurden unter anderem durch die Gefangennahme Richard Löwenherz‘ bekannt.
Über die folgenden Jahrhunderte wechselten Gut und Burg mehrfach ihre Besitzer. Dazu gehörten unter anderem mächtige Adelige, etwa die Herren von Maissau, Bernhard von Ladendorf, der Minnesänger Chunrat von Hadmansdorf und Ritter Alber von Hadtmansdorf.
Das damalige Gut hatte allerdings noch wenig mit dem heutigen Schloss gemeinsam. Als Ursprung der Anlage gilt eine kleine, für die Region typische Wasserburg. Ihr turmartiger Ansitz wurde später als „Höllturm“ bezeichnet. Strategisch lag die Anlage an einer bemerkenswerten Stelle: Beim Höllturm trafen die Grenzen der drei historischen Landgerichte Eggenburg, Gars und Horn aufeinander.
Schloss Harmannsdorf wird zum Renaissance-Prachtbau
Ab 1569 ging die Burg an die protestantische Adelsfamilie Pernstorfer über, die ihren Besitz im Waldviertel in den folgenden Jahren unter anderem durch Lehen – das Nutzungsrecht an fremden Gütern – um Zogelsdorf ausbaute. Die Wasserburg galt dennoch bereits als veraltet und wehrtechnisch als überholt. Auch die zugehörige Herrschaft war nicht groß: Um 1590 gehörten lediglich 56 Untertanen zu Harmannsdorf. Trotzdem wagte Sebastian Pernstorfer um 1600 einen aufwendigen Umbau. Unter Einbeziehung bestehender Bauten entstand ein nahezu quadratisches Renaissance-Wasserschloss mit vier Flügeln und einem zentralen Innenhof. Der mittelalterliche Höllturm blieb erhalten und wurde als Bergfried in die neue Anlage integriert.
Der repräsentative Bau hatte allerdings seinen Preis: Pernstorfer verschuldete sich schwer. Die protestantischen Pernstorfer konnten ihren Besitz jedoch nicht halten. Im Jahr 1611 wurde Schloss Harmannsdorf vom landesfürstlichen Fiskus beschlagnahmt.
Barocker Umbau: Blütezeit von Schloss Harmannsdorf
Seine Blütezeit erlebte das Schloss Harmannsdorf zwischen 1742 und 1825 unter den Herren von Moser. Besonders Daniel von Moser prägte das Erscheinungsbild der Anlage. Um 1760 ließ er das Renaissanceschloss im barocken Stil umgestalten und einen repräsentativen Garten nach französischem Vorbild anlegen. Der mehrere Hektar große Schlosspark wurde mit Gartenparterres, Schmuckvasen und zahlreichen Statuen gestaltet. Zum historischen Ensemble gehören außerdem eine Orangerie zur Überwinterung von Zitrusbäumen und ein dreigeschossiger Schüttkasten für die Lagerung von Getreide und anderen Vorräten.
Nach den Mosers gelangte Harmannsdorf schließlich an die mit ihnen verwandten Freiherren von Suttner. Damit begann jenes Kapitel, das das Schloss weit über die Grenzen Niederösterreichs hinaus bekannt machte.
Bertha von Suttners Ankunft in Harmannsdorf
1873 kam die wohl berühmteste Bewohnerin des Schlosses nach Harmannsdorf. Bertha Gräfin Kinsky, 1843 in Prag geboren, kam zunächst als Angestellte und nahm eine Stelle als Erzieherin und Gesellschafterin der vier Töchter von Karl Gundaccar Freiherr von Suttner an. Auf dem Familiengut verliebte sie sich in Arthur, den jüngsten Sohn des Hauses, sehr zum Missfallen seiner Eltern. Bertha war sieben Jahre älter als der damals 23-jährige Arthur und galt aus Sicht der Familie auch finanziell als nicht standesgemäß. Nach rund drei Jahren musste sie Harmannsdorf deshalb verlassen.
1876 ging Bertha zunächst nach Paris, wo sie kurzzeitig als Privatsekretärin für Alfred Nobel arbeitete. Noch im selben Jahr kehrte sie zurück und heiratete Arthur gegen den Willen seiner Eltern. Anschließend kehrte das Paar Österreich den Rücken und ging in den Kaukasus nach Mingrelien, dem heutigen Georgien. Neun Jahre verbrachten die beiden dort und bestritten ihren Lebensunterhalt unter anderem mit schriftstellerischer und journalistischer Arbeit. Erst 1885 kam es zur Aussöhnung mit der Familie Suttner. Das Ehepaar kehrte nach Österreich zurück und Harmannsdorf wurde für die folgenden 17 Jahre zu ihrem zentralen Lebensmittelpunkt.

„Die Waffen nieder!“: Suttner wird zur Stimme der Friedensbewegung
In Harmannsdorf arbeitete Bertha von Suttner als Schriftstellerin und Journalistin, empfing Gäste und führte eine umfangreiche internationale Korrespondenz. Vor allem aber schrieb sie hier das Werk, das sie weit über Österreich hinaus bekannt machte: 1889 erschien ihr Antikriegsroman „Die Waffen nieder!“.
Im Mittelpunkt steht die fiktive österreichische Adelige Martha Althaus, deren Leben von mehreren Kriegen des 19. Jahrhunderts geprägt wird. Suttner schilderte den Krieg aus der Perspektive jener Menschen, die mit Tod, Krankheit, Verwundung und dem Verlust von Angehörigen konfrontiert waren. Damit stellte sie sich bewusst gegen die damals verbreitete Verherrlichung militärischer Auseinandersetzungen.
„Die Waffen nieder!“ entwickelte sich zu einem internationalen Bestseller, erschien in zahlreichen Auflagen. und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Suttner wurde zu einer der bekanntesten Stimmen der europäischen Friedensbewegung. Die Vorstellung, Konflikte zwischen Staaten nicht auf dem Schlachtfeld, sondern durch internationale Schiedsgerichte und Verständigung zu lösen, wurde zu einem zentralen Anliegen ihres Lebens.
Suttner erhält als erste Frau den Friedensnobelpreis
Suttners Jahre in Harmannsdorf waren jedoch von finanziellen Sorgen überschattet. Bertha und Arthur investierten einen erheblichen Teil ihrer Einkünfte aus der schriftstellerischen Arbeit in die wirtschaftlich angeschlagene Herrschaft. Nach Arthurs Tod im Jahr 1902 war das Gut schließlich nicht mehr zu halten.
Nach ihrem Rückzug aus Harmannsdorf erreichte Suttner den Höhepunkt ihrer internationalen Anerkennung: 1905 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Damit war sie die erste Frau, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, und nach Marie Curie erst die zweite weibliche Nobelpreisträgerin überhaupt.
Bis zu ihrem Tod setzte Suttner ihre Arbeit für den Frieden fort. Sie reiste durch Europa und die USA, hielt Vorträge und warnte angesichts des Wettrüstens der europäischen Großmächte immer eindringlicher vor einem kommenden Krieg. Am 21. Juni 1914 starb Bertha von Suttner im Alter von 71 Jahren in Wien, nur wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Kultur, Wohnungen, Veranstaltungen: Schloss Harmannsdorf heute
Nach dem Ende der Ära Suttner wechselte das Anwesen mehrmals den Besitzer. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Herrschaft führten 1904 zur Zwangsversteigerung. Den Zuschlag erhielt zunächst die Sparkasse Innsbruck. Weitere Besitzerwechsel folgten. Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren: 1945 wurde die Ausstattung des Schlosses durch sowjetische Soldaten stark geplündert. 1976 erwarb der Veterinärmediziner Erich Glawischnig das Anwesen. In den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden entstand ein Lehr- und Versuchsbetrieb der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Zwischen 1985 und 1991 wurde das Hauptgebäude umfassend restauriert.
Bis heute befindet sich Schloss Harmannsdorf im Besitz der Familie Glawischnig und wird von ihr bewohnt. Deshalb ist das eigentliche Schloss nicht regulär für die Öffentlichkeit zugänglich. In Teilen der einstigen Wirtschaftsräume entstanden zudem Wohnungen. Schüttkasten, Orangerie und Schlosspark werden hingegen weiterhin für kulturelle Veranstaltungen und private Feierlichkeiten genutzt. Auch 2026 wird Harmannsdorf wieder zur Konzertkulisse: Im Rahmen des Kammermusikfestivals Allegro Vivo findet am 11. August im Schloss die Veranstaltung „Musik und Wort“ mit Werken von Tomaso Albinoni, Antonio Vivaldi und Michele Stratico statt.
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