Im Weinviertel endet der Tag oft in der Kellergasse. Wer dort an einem offenen Presshaus vorbeikommt, wird schnell auf ein Glas eingeladen und hört dabei eine Mundart, die sich deutlich von jener in den anderen Vierteln unterscheidet.
Die Sprache der Region ist eng mit dem Wein verwachsen. Rund um Lese, Keller und Heurigen hat sich über Generationen ein eigener Wortschatz gebildet, den viele Familien bis heute verwenden. Dazu kommt eine lautliche Besonderheit, die Sprachforscherinnen und Sprachforscher seit Langem beschäftigt. Zuvor aber ein paar Ausdrücke, mit denen man beim nächsten Kellergassenfest sicher Eindruck macht.
Ausgsteckt
Bedeutung: Der Heurige hat geöffnet, erkennbar am grünen Buschen über dem Tor
Beispielsatz: „Beim Nochban is ausgsteckt, gemma auf a Achterl?“
Geittür
Bedeutung: große Öffnung an der Straßenseite des Presshauses, durch die die Trauben eingebracht werden
Beispielsatz: „Mach de Geittür auf, da Wogn mit de Trauben kummt.“
Gspritzta
Bedeutung: Weißwein mit Sodawasser
Beispielsatz: „Bei de Hitz is a Gspritzta grod recht.“
Heber
Bedeutung: Glasröhre, mit der Wein zum Kosten aus dem Fass gezogen wird
Beispielsatz: „Hol in Heber, ma kostn an Neichn.“
Hintaus
Bedeutung: Weg hinter den Höfen, wo die Gärten und Felder beginnen
Beispielsatz: „Fohr ned durchs Dorf, nimm in Hintaus.“
Köllajausn
Bedeutung: kalte Jause im Keller mit Brot, Speck und Aufstrichen
Beispielsatz: „Zur Köllajausn gherat a frischs Bauernbrot.“
Köllamaunn
Bedeutung: Kellerbesitzer, der regelmäßig im Keller nach dem Rechten sieht
Beispielsatz: „Da Köllamaunn is scho wieda unt in da Kellagossn.“
Köllapartie
Bedeutung: gesellige Runde mit Gästen im Presshaus
Beispielsatz: „Am Samstag hamma a Köllapartie, kummst a?“
Köllastund
Bedeutung: regelmäßiges Treffen der Kellerbesitzer bei einem Glas Wein
Beispielsatz: „Bei da Köllastund wird übers Wetta und de Politik gredt.“
Kukuruz
Bedeutung: Mais
Beispielsatz: „Da Kukuruz steht heia recht hoch.“
Lesn
Bedeutung: Weinlese
Beispielsatz: „Nächste Woch is Lesn, do braucht ma jede Hand.“
Neicha
Bedeutung: junger Wein des aktuellen Jahrgangs
Beispielsatz: „Da Neiche is no trüb, owa scho guat.“
Ruam
Bedeutung: Zuckerrübe
Beispielsatz: „Im Herbst fohrn de Ruamwogn den gaunzn Tog durchs Ort.“
Bui statt Bua: Die Ui-Mundart
Wer im Weinviertel genau hinhört, bemerkt bei manchen Einheimischen ein „ui“, wo man anderswo in Niederösterreich „ua“ sagt. Aus Bua wird Bui, aus Kua wird Kui und aus guat wird guid. Fachleute sprechen deshalb von der Ui-Mundart. Ihr Ursprung liegt im mittelhochdeutschen Doppellaut „uo“, der sich hier anders entwickelt hat als in weiten Teilen des Landes. Auch das „ia“ klingt mitunter anders. In manchen Wörtern wird es zu „oi“, aus schiaßn wird schoißn und aus liagn wird loign.
Über Jahrhunderte war die Ui-Mundart für viele Weinviertlerinnen und Weinviertler die eigentliche Muttersprache. In der Schule und oft auch zuhause wurden Kinder aber angehalten, „schön“ zu sprechen, und der alte Dialekt galt bald als altmodisch. Mit dem Pendeln nach Wien und dem Zuzug aus der Stadt setzten sich Formen wie Bua und Kua immer mehr durch. Heute hört man die Ui-Mundart vor allem bei Älteren, vielerorts wird sie aber wieder bewusst gepflegt. Eine ausführliche Wortsammlung hat etwa der Ort Hörersdorf im Bezirk Mistelbach online zusammengestellt.
Auch die Kellerkultur ist eng mit der Sprache verbunden. Begriffe wie Köllastund oder Köllapartie stehen für Bräuche, die seit Jahrhunderten gelebt werden. Ob beim Heurigen, in der Kellergasse oder am Hintaus, im Weinviertel stößt man noch auf Wörter, die anderswo längst verschwunden sind. Erhalten bleiben sie vor allem dort, wo Menschen zusammensitzen und miteinander reden. Die Kellergasse ist damit nicht nur ein Ort für Wein, sondern auch ein lebendiges Archiv der Mundart.
Wie anders es im Norden und Westen des Landes klingt, zeigen unsere Beiträge zum Waldviertler und zum Mostviertler Dialekt.







