Wo früher Maschinen liefen und Menschen Geschirr, Textilien oder Industrieanlagen produzierten, drohten nach dem Ende der Produktion Leerstand und Verfall. Doch mehrere niederösterreichische Gemeinden haben ehemaligen Fabrikgebäuden und Betriebsstätten eine neue Aufgabe gegeben. Wo früher produziert wurde, wird heute gewohnt, gelernt und gearbeitet. Vier Beispiele zeigen, wie aus alten Industriegebäuden wieder Treffpunkte, Arbeitsplätze und Wohnorte werden
Pottendorf: Aus der alten Spinnerei wird ein Gemeindezentrum
Wo einst Baumwolle verarbeitet wurde, befinden sich heute das Gemeindeamt, Wohnungen und Veranstaltungsräume. Die Alte Spinnerei in Pottendorf (Bezirk Baden) hat sich zu einem wichtigen Zentrum des Gemeindelebens entwickelt. Die Geschichte der Baumwollspinnerei reicht bis ins Jahr 1801 zurück. Damals entstand in Pottendorf die erste mechanische Baumwollspinnerei Österreichs. Nach dem Ende der industriellen Nutzung kaufte die Marktgemeinde das Fabrikgebäude im Jahr 2005. Zwischen 2012 und 2014 wurde es umfassend umgebaut. Heute beherbergt die Alte Spinnerei das Gemeindeamt, einen Festsaal, die Musikschule und mehrere Sitzungsräume. Zusätzlich entstanden 40 Mietwohnungen und elf Eigentumswohnungen. Das frühere Industriegebäude verbindet damit öffentliche Einrichtungen und Wohnmöglichkeiten.
Wilhelmsburg: In der alten Geschirrfabrik wird wieder mit Keramik gearbeitet
Wilhelmsburg (Bezirk St. Pölten) war über viele Jahrzehnte ein wichtiger Standort der österreichischen Geschirrproduktion. Besondere Bekanntheit erlangte die Stadt durch das sogenannte Lilien-Porzellan, ein österreichisches Gebrauchsporzellan, das vor allem für seine farbenfrohen Designs der 1950er- und 1960er-Jahre bekannt ist. In Teilen der historischen Geschirrfabrik wird die Geschirrproduktion bis heute fortgeführt: Der Verein Wilhelmsburger Geschirr-Museum setzt sich dafür ein, die alten Fabrikräume schrittweise wieder nutzbar zu machen. 2016 entstand in der ehemaligen Glasuraufbereitung ein Keramikstudio. Dort können Interessierte das Handwerk kennenlernen und selbst mit Ton arbeiten. Auch Studierende der New Design University in St. Pölten haben die Räume bereits für Workshops genutzt.
Daneben bewahren das Geschirr-Museum und ein Schaudepot die Geschichte der Keramikproduktion. So bleibt die Vergangenheit des Standorts nicht nur in Ausstellungen erhalten, sondern wird durch die praktische Arbeit mit Keramik auch an neue Generationen weitergegeben.

Foto: By Wikimedia Commons/Karl Gruber, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68922146
Traiskirchen: Leerstehende Villa wird zum Kinderlabor
In Traiskirchen (Bezirk Baden) wurde aus einem lange leerstehenden Gebäude ein besonderer Lern- und Erlebnisort für Kinder. Die sogenannte Zwach-Villa auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Waerag hatte ihre ursprüngliche Funktion längst verloren. Die Stadtgemeinde beschloss, das Gebäude wieder nutzbar zu machen. Nach dem Umbau eröffnete im September 2022 das KinderAbenteuerLabor KALO!. Heute können Kinder auf rund 300 Quadratmetern experimentieren, forschen und kreativ arbeiten. Das Angebot reicht von Workshops bis zu Veranstaltungen für Familien und pädagogisches Personal. Auch der großzügige Garten ist ein fester Bestandteil des heutigen Kinderlabors.
Für die Umgestaltung des ehemaligen Betriebsgebäudes erhielt das Projekt 2023 die Auszeichnung „Bau des Jahres 2022“.
Mödling: Ehemalige Industriehallen werden zum Zentrum für Start-ups
In Mödling entsteht derzeit ein neues Quartier für Unternehmen, kreative Projekte und gemeinschaftliches Arbeiten. Auf dem ehemaligen Produktionsgelände des Industrieofenherstellers Aichelin in der Fabriksgasse entsteht ein rund 18.000 Quadratmeter großes Industrieareal. Unter dem Namen „Bern.Dorf“ entwickelt die Berndorf Immobilien AG das Gelände zu einem Standort für Start-ups, Werkstätten und Veranstaltungen. Statt die bestehenden Fabrikgebäude vollständig abzureißen, sollen die alten Industriehallen schrittweise umgestaltet werden.
Auf dem Gelände stehen rund 7.400 Quadratmeter Hallen- und Werkstattflächen sowie 5.200 Quadratmeter Büroflächen zur Verfügung. Junge Unternehmen, Handwerksbetriebe sowie Veranstalterinnen und Veranstalter nutzen die Räume flexibel und für ganz unterschiedliche Zwecke.. Das Projekt Bern.Dorf wurde im Sommer 2026 öffentlich vorgestellt. Die Umgestaltung läuft schrittweise. Ziel ist es, aus dem früheren Produktionsstandort einen vielseitig nutzbaren Arbeits- und Begegnungsort zu machen.
Ein zweites Leben für verfallene Fabriken
Die vier Beispiele zeigen, wie unterschiedlich sich ehemalige Fabriken und Betriebsgebäude heute nutzen lassen. Während Pottendorf ein Gemeindezentrum mit Wohnungen geschaffen hat, hält Wilhelmsburg die Geschichte der Keramikproduktion lebendig. Traiskirchen hat eine frühere Betriebsvilla in einen Ort für Kinder und Familien verwandelt. In Mödling stehen dagegen neue Arbeitsmöglichkeiten im Mittelpunkt. Dort werden ehemalige Industrieflächen wieder für Unternehmen, Werkstätten und andere gewerbliche Angebote genutzt. Gemeinsam ist den Projekten, dass bestehende Gebäude zumindest teilweise erhalten und für neue Aufgaben umgestaltet werden. Dadurch lassen sich bereits bebaute Flächen erneut nutzen, ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln.
Während manche verlassene Orte in Niederösterreich über Jahre verfallen und als sogenannte „Lost Places“ zum kuriosen Ausflugsziel für Neugierige werden, zeigen diese Beispiele, dass ehemalige Industriestandorte auch eine neue Zukunft bekommen können.
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