Elf der derzeit 32 Notarztstützpunkte in Niederösterreich sollen ab April 2027 wegfallen und durch eine neue Rettungsstruktur aufgefangen werden. Die geplanten Änderungen könnten jedoch nicht nur längere Anfahrtswege in den betroffenen Regionen bedeuten, sondern auch verbleibende Stützpunkte stärker belasten. Während die ÖVP weiter an der Umsetzung festhält, werden die mahnenden Stimmen, die funktionierende und erprobte Ersatzmaßnahmen bis dahin fordern, immer lauter. Jetzt melden sich die von der Schließung betroffenen Regionen zu Wort.
Diskussion in Ybbs: Notarzt warnt vor längeren Wartezeiten
Was passiert, wenn bei einer Reanimation eines Menschen oder nach einem schweren Verkehrsunfall ein Notarzt benötigt wird, der nächste Stützpunkt aber zu weit entfernt ist? Diese Frage stand am 23. September im Babenbergerhof in Ybbs im Mittelpunkt. Der ehemalige Bürgermeister und heutige Nationalratsabgeordnete Alois Schroll (SPÖ) initiierte anlässlich der geplanten Schließung der Notarztstützpunkte Ybbs-Persenbeug und Pöggstall eine Diskussion mit Dr. Tarik Farahat. Der Notarzt weiß:
„Wenn ein Rettungswagen beim Patienten eintrifft und feststellt, dass zusätzlich ein Notarzt benötigt wird, macht es einen erheblichen Unterschied, ob dieser aus der unmittelbaren Region kommt oder erst aus einem deutlich weiter entfernten Stützpunkt zufahren muss“.
Gesundheitsplan 2040+: Ab 2027 sollen elf Notarztstützpunkte geschlossen werden
Hintergrund ist die geplante Neuordnung der Rettungslandschaft in Niederösterreich. Sie wurde im Gesundheitsplan 2040+ im März 2025 mit den Stimmen von ÖVP, FPÖ und SPÖ beschlossen. Ab April 2027 sollen statt der derzeit 32 vorhandenen Notarzteinsatzfahrzeug-Stützpunkte, kurz NEF-Stützpunkte, nur noch 21 bestehen. Die übrigen elf Standorte werden umstrukturiert. Damit für die Bevölkerung keine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung eintritt, sind zusätzliche Rettungswagenstützpunkte mit hochqualifizierten Notfallsanitätern, ein ausgebautes First-Responder-System, Telenotfallmedizin und eine Erweiterung der Flugrettung vorgesehen.
Erklärtes Ziel ist die Neuorganisation der Einsätze: Notärzte sollen gezielter dort eingesetzt werden, wo ihre medizinischen Kompetenzen tatsächlich benötigt werden, während speziell ausgebildete Notfallsanitäter mehr Aufgaben übernehmen.
Notarzt-Reform: Vereinbarter Ersatz nicht ausreichend erprobt
Bei der Präsentation der Restrukturierungsmaßnahmen wurde eine wesentliche Voraussetzung festgehalten: Die im Gesundheitspakt vereinbarten Maßnahmen müssten zuvor umgesetzt sein. Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen seien, solle es zu Veränderungen in den Regionen kommen. Genau hier setzt die Kritik der SPÖ NÖ an. Obwohl mehrere Maßnahmen noch nicht vollständig umgesetzt und im Alltag erprobt seien, steht mit Frühjahr 2027 bereits der Zeitpunkt für die Umstellung fest. Denn viele der vorgesehenen neuen Strukturen befinden sich derzeit noch im Aufbau.
Für Sven Hergovich,Kontroll-Landesrat und SPÖ NÖ-Landesparteivorsitzender, ist klar, dass die Qualität der Gesundheitsversorgung gesichert werden muss:
„Unsere Linie ist klar: Zuerst Verbesserungen, dann Struktur. Ersatzmaßnahmen müssen vollständig aufgebaut, erprobt und evaluiert sein, bevor über bestehende Strukturen diskutiert werden kann. Ein funktionierendes Sicherheitsnetz darf nicht entfernt werden, bevor das neue gespannt ist“, betont Hergovich.
Notarzt Dr. Farahat: „Entscheidend ist, was tatsächlich verfügbar ist“
Auch Notarzt Farahat begrüßt den Ausbau der Kompetenzen von Sanitäterinnen und Sanitätern grundsätzlich, sieht bei den vorgesehenen Ersatzstrukturen aber klare Grenzen. RTW-C-Stützpunkte müssten mit ausreichend qualifiziertem Personal besetzt sein – rund um die Uhr und auch bei Urlaub, Krankenständen oder mehreren parallelen Einsätzen. Auch die Telenotfallmedizin könne zwar unterstützen, einen Arzt vor Ort aber nicht bei allen notwendigen medizinischen Maßnahmen ersetzen. Die ausgebaute Flugrettung könne die Versorgung ebenfalls ergänzen. Schlechtwetter, technische Probleme, fehlende Landeplätze oder ein bereits laufender Einsatz können jedoch dazu führen, dass ein Hubschrauber nicht verfügbar ist.
Für Farahat zählt deshalb vor allem die tatsächliche Einsatzfähigkeit: „Entscheidend ist, was an einem Dienstag um drei Uhr früh, bei Schlechtwetter und möglicherweise mehreren gleichzeitigen Notfällen tatsächlich verfügbar ist.“
Kettenreaktion: Schließungen könnten sich auch auf nicht betroffene Regionen auswirken
Längere Anfahrtswege sind nicht nur für jene Regionen relevant, deren Stützpunkt wegfällt. Ein Notarzteinsatzfahrzeug versorgt nicht ausschließlich seinen Standort, sondern wird bei Bedarf auch in umliegende Gebiete geschickt. Muss ein verbleibendes Notarzteinsatzfahrzeug künftig ein größeres Gebiet abdecken, kann es dadurch häufiger außerhalb seiner bisherigen Kernregion gebunden sein. Kommt es währenddessen dort zu einem weiteren schweren Notfall, muss das nächste verfügbare Notarzteinsatzfahrzeug von einem anderen Standort anfahren. Besonders relevant wird das bei mehreren gleichzeitigen Einsätzen.
Dass es bereits im bestehenden System zu Engpässen kommen kann, zeigte zuletzt ein Fall in einem Spital im Wiener Umland. Bei einem Patienten mit akuter Blutung dauerte es zwei Stunden, bis ein Notarzt organisiert werden konnte. Die ärztliche Hilfe kam schließlich aus Wien.
Für die künftige Versorgung ist daher nicht nur entscheidend, welche Stützpunkte auf dem Papier bestehen bleiben. Relevant ist auch, wie groß ihre Einsatzgebiete werden, wie häufig sie Nachbarregionen mitversorgen müssen und welche Reserven bei parallelen Einsätzen zur Verfügung stehen.
ÖVP hält an neuer Rettungsstruktur ab April 2027 fest
Die ÖVP hält am geplanten Umbau der Notarztversorgung fest. Sie erklärt, dass die Rettungsorganisationen die Umstellung mit zusätzlichen beziehungsweise entsprechend qualifizierten Notfallsanitätern bewältigen könnten, obwohl die Äußerungen von Rotkreuz-Präsident Hans Ebner und Hannes Sauer, Präsident des Arbeiter-Samariterbundes (ASBÖ) Niederösterreich zuletzt aufhorchen ließen. Beide betonten, dass der Notarzt nicht zu ersetzen sei: „Wir nehmen uns nicht heraus, den Notarzt zu ersetzen. Wir unterstützen den Notarzt“, so die Verantwortlichen der Rettungsorganisationen.
Die ÖVP-FPÖ Landesregierung in Niederösterreich verweist dennoch weiter darauf, dass die Versorgung künftig durch das Zusammenspiel der verschiedenen Angebote gewährleistet werden soll.
Praxistest und Ampelsystem als Voraussetzungen vor Schließungen
Farahat fordert, die neuen Strukturen zunächst aufzubauen und eine Zeit lang parallel zum bestehenden NEF-System zu betreiben. So könne anhand realer Einsätze geprüft werden, ob die neue Versorgung auch nachts, bei Schlechtwetter und mehreren gleichzeitigen Notfällen funktioniert.
„Zuerst umsetzen, dann erproben, dann evaluieren – und erst danach über Schließungen entscheiden“, fasst Farahat seine Forderung zusammen.
Die SPÖ NÖ hatte bereits im Frühjahr ein Ampelsystem vorgeschlagen. Bei Rot fehlen demnach noch wesentliche Voraussetzungen, bestehende Notarztstandorte bleiben erhalten. In der gelben Phase werden die neuen Strukturen aufgebaut, getestet und evaluiert. Erst wenn die Systeme vollständig funktionieren und festgelegte Kriterien eine gesicherte Versorgung bestätigen, springt die Ampel auf Grün und Veränderungen an bestehenden Standorten kommen infrage.
„Wir unterstützen ausdrücklich den Ausbau der Kompetenzen von Sanitäterinnen und Sanitätern und zusätzliche Angebote wie mobile Notfallteams. Aber neue Angebote dürfen nicht nur auf dem Papier existieren. Wer funktionierende Notarztstützpunkte schließt, bevor ein gleichwertiger Ersatz tatsächlich einsatzbereit ist, beginnt eine Reform am falschen Ende“, warnt Hergovich.
Die Diskussion über die betroffenen Standorte wird unterdessen fortgesetzt: Nach Ybbs wurde am 30. September auch im Retzerlandhof in Zellerndorf über die künftige Notarztversorgung und die Auswirkungen auf die betroffenen Regionen diskutiert. Weitere Gespräche mit Gemeinden und Einsatzkräften sollen folgen.
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