Die Arbeitslosigkeit steigt in Niederösterreich deutlich stärker als im österreichweiten Durchschnitt. Gleichzeitig gibt es so wenige Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch die Langzeitarbeitslosigkeit nimmt deutlich zu: In Niederösterreich sind bereits mehr als 8.000 Menschen seit mindestens einem Jahr ohne Arbeit. Die schwarz-blaue Landesregierung präsentierte zuletzt einen überarbeiteten „Kompetenzatlas“. Zusätzliches Geld für Schulungen ist allerdings nicht vorgesehen.
Arbeitslosigkeit steigt fast fünfmal so stark wie im Österreich-Schnitt
Die Lage am niederösterreichischen Arbeitsmarkt spitzt sich weiter zu. Ende Oktober waren laut Arbeitsmarktservice (AMS) 46.507 Menschen in Niederösterreich arbeitslos gemeldet. Das sind 3.289 Personen beziehungsweise 6,4 Prozent mehr als im Oktober des Vorjahres. Österreichweit stieg die Arbeitslosigkeit im selben Zeitraum lediglich um 1,3 Prozent. Damit verzeichnet Niederösterreich den stärksten Anstieg aller Bundesländer.
Besonders stark betroffen sind Frauen. Ihre Arbeitslosigkeit stieg im Jahresvergleich um 9,6 Prozent, bei Männern waren es 3,7 Prozent. Auch ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab 50 Jahren sind zunehmend betroffen. In dieser Altersgruppe erhöhte sich die Arbeitslosigkeit um 8,4 Prozent. Gleichzeitig sinkt die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze. Ende Oktober waren beim AMS Niederösterreich 11.875 offene Stellen gemeldet, um 5,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der Arbeitsmarkt steht damit gleich doppelt unter Druck: Mehr Menschen suchen Arbeit, während Unternehmen weniger Stellen besetzen.
Auch Langzeitarbeitslosigkeit steigt deutlich
In Niederösterreich sind mittlerweile 8.016 Menschen seit mindestens einem Jahr ohne Arbeit. Das sind um 27,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Für viele von ihnen ist es besonders schwierig, wieder einen Job zu finden: Fast die Hälfte der Langzeitarbeitslosen (48 Prozent) hat gesundheitliche Probleme, die eine Arbeitsvermittlung erschweren. Dabei geht es sowohl um körperliche Beschwerden als auch zunehmend um psychische Erkrankungen.
Immer weniger Betriebe bilden Lehrlinge aus
Für Jugendliche wird der Einstieg ins Berufsleben ebenfalls immer schwieriger. Die Zahl der Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe ist zuletzt auf einen neuen Tiefstand gesunken. Während 1980 noch 12.847 Unternehmen in Niederösterreich Lehrlinge ausbildeten, waren es Ende September 2026 nur noch rund 4.100. Auch die Zahl der Lehrlinge hat sich seitdem nahezu halbiert: von mehr als 31.000 auf 15.939.
Besonders problematisch ist, dass es derzeit mehr Lehrstellensuchende als offene Lehrstellen gibt. Ende September waren beim AMS nur 915 freie Lehrstellen gemeldet. Bereits im August standen laut AMS rund 1.850 Lehrstellensuchenden Jugendlichen lediglich 809 offene Lehrstellen gegenüber.
Dabei wird der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften in den kommenden Jahren voraussichtlich steigen. Laut AMS-Landesgeschäftsführerin Sandra Kern werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren viele Beschäftigte mit Lehrabschluss in Pension gehen. Unternehmen könnten deshalb zunehmend Schwierigkeiten bekommen, ausreichend qualifizierten Nachwuchs zu finden.
Steigende Arbeitslosigkeit: SPÖ fordert Konsequenzen
Die SPÖ Niederösterreich reagiert auf die steigenden Arbeitslosenzahlen mit scharfer Kritik an der schwarz-blauen Landesregierung. Parteichef Sven Hergovich wirft der zuständigen FPÖ-Landesrätin Susanne Rosenkranz Untätigkeit vor und fordert, dass sie die Verantwortung für den Arbeitsmarkt abgibt. Er selbst sei bereit, die Agenden zu übernehmen.
„Der niederösterreichische Arbeitsmarkt entspricht am ehesten einer Mischung aus Wien und Oberösterreich. Industrie und Dienstleistungen sind historisch gleichermaßen stark. Doch während Oberösterreich die Industriearbeitsplätze hält, erlebt Niederösterreich eine dramatische Deindustrialisierung, die langfristig den Wohlstand unseres Landes mindert. Auch vom Dienstleistungsboom in Wien profitiert Niederösterreich nicht. Schuld ist eine verfehlte Industriepolitik und das völlige Versagen der FPÖ beim Arbeitsmarkt“, so der SPÖ-NÖ-Vorsitzende und Landesrat.
Arbeitsmarktgipfel: Landesregierung präsentierte Kompetenzatlas
Angesichts der angespannten Lage lud die schwarz-blaue Landesregierung in NÖ am 21. Oktober zu einem Arbeitsmarktgipfel nach Wiener Neustadt. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern von AMS, Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer diskutierten Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Arbeitsmarkt-Landesrätin Susanne Rosenkranz (FPÖ) über die Zukunft des Arbeitsmarktes.
Im Mittelpunkt stand dabei die Qualifizierung von Beschäftigten. Durch Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz verändern sich die Anforderungen vieler Berufe. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen deshalb gezielt weitergebildet werden, um besser zu den Bedürfnissen der Unternehmen zu passen.
Als eine zentrale Maßnahme präsentierte die Landesregierung einen überarbeiteten „NÖ Kompetenzatlas“. Die Plattform soll bestehende Beratungs-, Ausbildungs- und Förderangebote übersichtlicher darstellen und Menschen bei der beruflichen Orientierung unterstützen. Neu ist das Instrument allerdings nicht. Der Kompetenzatlas wurde bereits vor fünf Jahren eingeführt und nun überarbeitet.
Trotz steigender Arbeitslosigkeit kein zusätzliches Geld für Schulungen
Ob der Kompetenzatlas ausreicht, um die Probleme am niederösterreichischen Arbeitsmarkt zu lösen, bleibt fraglich. Zwar kann eine bessere Übersicht über Weiterbildungsmöglichkeiten helfen, Arbeitsuchende und Unternehmen zusammenzubringen. Neue Arbeitsplätze oder zusätzliche Lehrstellen entstehen dadurch allerdings nicht unmittelbar.
Hinzu kommt, dass die Landesregierung trotz steigender Arbeitslosigkeit kein zusätzliches Geld für Schulungen bereitstellen will. Arbeitsmarkt-Landesrätin Rosenkranz begründete dies gegenüber dem ORF mit der angespannten Budgetsituation. Statt neuer Mittel sollen bestehende Förderprogramme überprüft und vorhandene Gelder gezielter eingesetzt werden. Dabei zeigt sich am Arbeitsmarkt nicht nur ein Qualifikationsproblem. Auch die Zahl der offenen Stellen geht zurück, während immer weniger Unternehmen junge Menschen ausbilden. Weiterbildung allein kann diese Entwicklung daher nicht ausgleichen.
Trendwende am Arbeitsmarkt weiterhin nicht in Sicht
Eine rasche Entspannung am niederösterreichischen Arbeitsmarkt zeichnet sich derzeit nicht ab. Laut den beim Arbeitsmarktgipfel vorgestellten Einschätzungen dürfte die Zahl der Arbeitslosen auch in den kommenden Monaten weiter steigen. Gleichzeitig zeigt der historische Rückgang der Lehrbetriebe, dass die Probleme über die aktuelle Wirtschaftsschwäche hinausgehen. Wenn immer weniger Unternehmen ausbilden, fehlen langfristig jene Fachkräfte, die vielerorts bereits heute gesucht werden.
Der überarbeitete Kompetenzatlas kann Beschäftigten bei der Orientierung helfen. Die entscheidende Frage bleibt allerdings, wie in Niederösterreich wieder mehr Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze entstehen sollen. Konkrete zusätzliche Mittel für Schulungen hat die Landesregierung beim Arbeitsmarktgipfel jedenfalls nicht angekündigt.
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