Nachdem in Mannswörth PFAS im Leitungswasser nachgewiesen wurden, stehen die sogenannten Ewigkeitschemikalien erneut im Fokus. Sie stecken in zahlreichen Alltags- und Industrieprodukten – von Make-up über Regenjacken bis hin zu Feuerlöschschäumen. Seit Jänner 2026 gelten nun erstmals verbindliche EU-Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser, um die Verbreitung der Stoffe einzudämmen. Private Hausbrunnen im Eigenbedarf bleiben davon aber weiter ausgenommen. Eine neue Testaktion soll für mehr Klarheit sorgen.
Mannswörth und Neupölla: PFAS-Belastung in Niederösterreichs Trinkwasser
In Mannswörth (Bezirk Bruck an der Leitha) sorgt eine PFAS-Belastung seit Wochen für Diskussionen. Aufgrund neuer EU-Vorgaben wurde das Grundwasser privater Hausbrunnen im Mai 2026 untersucht. Dabei zeigte sich eine Überschreitung des geltenden PFAS-Grenzwerts. Ein Anrainer ließ sein Leitungswasser deshalb auf eigene Kosten testen. Die Analyse einer akkreditierten Prüfstelle ergab zwar einen Nachweis der Stoffe, allerdings in einer Konzentration unter dem geltenden Grenzwert.
Auslöser der Belastung waren PFAS-haltige Feuerlöschschäume, die früher auf dem Gelände der OMV-Raffinerie Schwechat eingesetzt wurden. Betroffenen Haushalten mit belasteten Hausbrunnen wurde empfohlen, das Grundwasser weder als Trinkwasser noch zur Gartenbewässerung, Poolbefüllung oder Tierhaltung zu nutzen. Die Gemeinde verweist stattdessen auf das öffentliche Trinkwassernetz, das laut aktuellen Tests unter dem Grenzwert liegt.
Mannswörth ist nicht der einzige betroffene Ort in Niederösterreich: Auch in Neupölla (Bezirk Zwettl) wurden Anfang des Jahres Belastungen des Trinkwassers durch Ewigkeitschemikalien bekannt. Eine Übersicht möglicher Verdachtsstandorte bietet die PFAS-Karte: Für Niederösterreich verzeichnet sie derzeit 14 Standorte, darunter den Truppenübungsplatz Pitten, die Deponie am Ziegelofen in St. Pölten sowie Verunreinigungen im Bereich der Kläranlage Krems.
Umweltchemiker geht von weiteren Fällen aus
Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei der Organisation Global 2000, zeigt sich im Gespräch mit NÖ Aktuell besorgt. Aus seiner Sicht ist es sehr wahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren noch deutlich mehr belastete Standorte auftauchen werden.
„Wir müssen davon ausgehen, dass uns derzeit erst ein kleiner Teil der belasteten Standorte bekannt ist. Mögliche Risikobereiche sind insbesondere das Umfeld von Flughäfen, Feuerlöschübungsplätzen, Industrieanlagen und Deponien. Ohne gezielte Untersuchungen wissen die betroffenen Menschen häufig nicht, ob ihr Brunnenwasser belastet ist”, schätzt Burtscher-Schaden die Situation in Niederösterreich ein.
Wer sein Trinkwasser über das öffentliche Netz bezieht, ist von den strengen Kontrollpflichten bereits erfasst. Unsicherheit besteht vor allem bei privaten Hausbrunnen – genau hier setzt eine neue Testaktion an.
Testaktion soll PFAS-Belastungen sichtbar machen
Um weitere Verunreinigungen durch Ewigkeitschemikalien aufzudecken, startete die Umweltschutzorganisation Global 2000 im Juli eine österreichweite Testaktion für private Hausbrunnen. Ziel ist es, mögliche PFAS-Belastungen außerhalb öffentlicher Wasserversorgungen besser zu erfassen. Denn während öffentliche Wasserversorger inzwischen regelmäßig kontrollieren müssen, fallen private Hausbrunnen durch dieses Kontrollnetz. Mit der Aktion will die Organisation diese Lücke schließen, mögliche Belastungsschwerpunkte sichtbar machen und die Ergebnisse anonymisiert auf einer Österreichkarte veröffentlichen. Im Zuge der Studie erhalten Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine preisreduzierte Laboranalyse auf 20 PFAS der EU-Trinkwasserrichtlinie.
„Private Hausbrunnen fördern oft vergleichsweise oberflächennahes Grundwasser, das durch lokale Schadstoffquellen meist stärker beeinträchtigt ist als tiefer liegende Quellen. Besonders relevant ist das, wenn sich im Einzugsgebiet mögliche PFAS-Quellen befinden”, verdeutlicht Burtscher-Schaden die Wichtigkeit der Aktion.
Wasser-, fett- und schmutzabweisend: „Ewigkeitschemikalien“ gelten als unzerstörbar
PFAS, kurz für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, umfassen mehr als 10.000 künstlich hergestellte Industriechemikalien. Sie weisen Wasser, Fett und Schmutz ab und wirken elektrisch isolierend. Zudem sind sie schwer entflammbar und äußerst langlebig. Diese Beständigkeit hat ihnen den Namen “Ewigkeitschemikalien” eingebracht.
Doch gerade diese Eigenschaften sorgten aber auch dafür, dass sich PFAS seit ihrer Entwicklung Ende der 1930er-Jahre in unzähligen Produkten und Anwendungen durchsetzten. Sie sind heute fester Bestandteil in Make-up, Zahnseide, Regenjacken oder Badespielzeug, aber auch in Möbeln, Coffee-to-go-Bechern, Pfannen und Kleidung von Ultra-Fast-Fashion-Anbietern sowie Feuerlöschschaum, der wie im Fall Mannswörth zum Auslöser von Umweltbelastungen werden kann. Ohne PFAS gäbe es viele dieser Produkte in ihrer heutigen Form nicht.
Kaum abbaubar: Wie sich PFAS in Umwelt und Körper festsetzen
Die hohe Beständigkeit der Stoffe ist gleichzeitig ihr größtes Problem. PFAS werden in der Umwelt kaum abgebaut und bleiben dort über Jahrzehnte bestehen. Gelangen sie in Böden oder Gewässer, verbreiten sie sich oft großflächig und lassen sich nur mit erheblichem technischem Aufwand wieder entfernen. Mittlerweile wurden sie sogar in der Arktis und der Tiefsee nachgewiesen. Einige PFAS reichern sich außerdem in Pflanzen sowie in Fischen und Wildtieren an.
Besonders problematisch ist ihre Ausbreitung im Grundwasser. PFAS gelangen unter anderem über Feuerlöschschäume, Industrieprozesse, belastete Klärschlämme oder die Entsorgung PFAS-haltiger Produkte in den Boden. Von dort können sie ins Grundwasser gelangen – die wichtigste Ressource für die Trinkwasserversorgung. Damit landen PFAS am Ende genau dort, wo sie besonders unerwünscht sind: im Trinkwasser.
Einige Verbindungen können sich über Jahre im Körper anreichern. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überschreitet ein Teil der europäischen Bevölkerung bereits die empfohlene tolerierbare Aufnahmemenge. Einzelne PFAS werden unter anderem mit einem geschwächten Immunsystem, erhöhten Cholesterinwerten in Verbindung gebracht. Einzelne PFAS-Verbindungen stehen außerdem im Verdacht, Krebs zu begünstigen und die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen.
EU und Österreich verschärfen Regelungen
Die Europäische Union schränkt PFAS deshalb seit Jahren schrittweise ein. Besonders problematische Stoffe wie PFOS oder PFOA sind bereits verboten oder stark eingeschränkt, da sie als besonders langlebig sowie gesundheitsschädigend gelten. Darüber hinaus prüft die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) derzeit einen Vorschlag mehrerer europäischer Staaten für ein weitreichendes PFAS-Verbot für Bereiche, in denen die Stoffe verzichtbar sind. Seit 12. Jänner 2026 gelten zudem erstmals EU-weit verpflichtende Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser. Alle Mitgliedstaaten müssen die Stoffe regelmäßig überwachen und die Ergebnisse an die Europäische Kommission melden.
Österreich hat diese Vorgaben bundesweit mit einer Novelle der Trinkwasserverordnung umgesetzt. Darüber hinaus soll ein nationaler PFAS-Aktionsplan aus 2024 als Leitfaden für Behörden dienen, den Informationsaustausch verbessern und neue Umweltbelastungen möglichst verhindern.
Auch Burtscher-Schaden begrüßt die verschärfte Überwachung grundsätzlich: „Die neue Überwachungspflicht ist ein wichtiger Fortschritt.” Gleichzeitig seien aus Sicht von Global 2000 die derzeitigen Grenzwerte noch zu hoch. Österreich solle sich an strengeren Werten wie in Schweden orientieren. Langfristig lasse sich das Problem nur durch eine deutliche Reduktion des PFAS-Einsatzes lösen. Zum Vergleich: Schweden setzt für vier besonders problematische PFAS einen Richtwert von vier Nanogramm pro Liter, während in Österreich ein Grenzwert von 100 ng/L gilt.
„PFAS sind Ewigkeitschemikalien, die sich irreversibel in der Umwelt anreichern. Langfristig können wir das Problem nur an der Quelle lösen”, stellt Burtscher-Schaden klar.
PFAS-freie Produkte und „Scan4Chem“-App: Tipps für Verbraucherinnen und Verbraucher
PFAS sind weiterhin Teil unseres Alltags. Verbraucherinnen und Verbraucher können ihre persönliche Belastung jedoch verringern, etwa durch den Kauf PFAS-freier Produkte, den Verzicht auf unnötig beschichtete Verpackungen oder Alternativen wie Edelstahl- oder Gusseisenpfannen. Auch ein Blick auf die Inhaltsstoffe von Kosmetika kann helfen. Apps wie „Scan4Chem“ unterstützen dabei, Informationen über enthaltene Chemikalien abzurufen.
“Grundsätzlich lässt sich das PFAS-Problem nicht allein durch individuelles Verhalten lösen: Der wirksamste Schutz besteht darin, weitere PFAS-Einträge in Umwelt und Lebensmittelkette zu verhindern”, schließt Burtscher-Schaden.







