Der erste Teil unserer Zeitreise führte von St. Pantaleon-Erla über Pöchlarn und die Wachau bis nach Mautern. Nun setzen wir die Reise fort. Hinter Mautern verändert sich das Gesicht des niederösterreichischen Donaulimes: Die Kastelle werden dichter und zeigen anschaulich, welche Aufgaben sie an der römischen Grenze erfüllten. In Traismauer beeindrucken ungewöhnlich gut erhaltene Befestigungsbauten, in Tulln erzählen Hufeisenturm und Doppeltor vom Reiterlager an der Donaufurt. Zeiselmauer bewahrt einen spätantiken Burgus, und Klosterneuburg liegt dort, wo einst die Provinzen Noricum und Pannonien aneinandergrenzten. Und Carnuntum war weit mehr als ein Grenzkastell: Hier entstand eine römische Metropole mit Legionslager, Zivilstadt und politischer Bedeutung.
Traismauer: Ein römisches Kastell, dessen Mauern noch stehen
Traismauer war in der Römerzeit Augustianis. Das Kastell wurde in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. errichtet und bestand mit verschiedenen Umbauphasen bis in die Spätantike. Teile der römischen Befestigung ragen bis heute über das Straßenniveau hinaus.

Das bekannteste Beispiel ist das Römertor. Es handelt sich um das ehemalige Osttor des Kastells, das später in die mittelalterliche und neuzeitliche Bebauung integriert wurde. Daneben steht der Hungerturm beziehungsweise Reckturm, ein spätantiker Hufeisenturm der Kastellbefestigung.

Auch unter der heutigen Pfarrkirche liegt römische Substanz. Dort sind Teile des Kommandogebäudes des Kastells erhalten. Damit lässt sich in Traismauer nicht nur die äußere Befestigung nachvollziehen, sondern auch das Zentrum des Militärlagers.
Interessant ist außerdem die Zivilsiedlung. Östlich des Kastells wurden parallel zur Befestigung Steinbauten und eine römische Straße freigelegt. An dieser Straße befand sich ein Brunnen; Funde aus seinem Bereich belegen die Nutzung der Siedlung. Das zeigt, dass Augustianis nicht nur aus Soldaten bestand. Rund um das Lager lebten Händler, Handwerker und Angehörige der Militärbevölkerung.

Tulln: Das Reiterlager an der Donaufurt
Weiter östlich befindet sich Tulln, das früher Comagena hieß und eines der wichtigsten Reiterlager am norischen Donaulimes war. Die Lage war nicht zufällig gewählt. Hier befand sich eine militärisch bedeutende Furt der Donau, also eine flache Stelle, die überquert werden konnte. Das Kastell kontrollierte damit nicht nur die Grenze, sondern auch einen wichtigen Verkehrsweg.
Die Garnison bestand vor allem aus Reitern. Die Soldaten überwachten das Tullnerfeld und die Donau und konnten sich bei Bedarf rasch entlang der Grenze bewegen. Später wurde Comagena auch zu einem Stützpunkt der Donauflotte, sodass Tulln mehrere militärische Funktionen miteinander verband.

Am deutlichsten sichtbar ist diese Geschichte heute am Römerturm. Der hufeisenförmige Turm stammt aus dem 4. Jahrhundert und war Teil der spätantiken Befestigung. Seine Mauern sind bis zum Dachansatz im Original erhalten. Auch das ehemalige Doppeltor des Kastells ist noch archäologisch sichtbar. Die Toranlage wurde von zwei Türmen geschützt. Erhalten sind unter anderem Teile der Fundamente und ein Keilstein des Torbogens.
Zeiselmauer: Hier ist der römische Kastellgrundriss noch im Ort erkennbar
Seit etwa um 80 n. Chr. befand sich in Zeiselmauer ein Kastell, in dem rund 500 Soldaten stationiert waren.
Es war das östlichste Lager in der römischen Provinz Noricum. Der Grundriss des römischen Kastells ist in der Struktur des heutigen Kirchenplatzes erhalten geblieben. Die mittelalterliche und neuzeitliche Bebauung hat den antiken Grundriss nicht vollständig ausgelöscht. Dadurch lassen sich die Größe und Lage des ehemaligen Kastells heute noch nachvollziehen.
Unter der Pfarrkirche befindet sich das ehemalige Kommandogebäude mit Fahnenheiligtum. Dort wurden bei Ausgrabungen Reste der zentralen Gebäude des Kastells entdeckt. Das Fahnenheiligtum war für das Militär von besonderer Bedeutung: Hier wurden die Feldzeichen der Einheit aufbewahrt, die eine zentrale religiöse und symbolische Funktion für die Soldaten hatten.

Als die regulären Truppen im 4. Jahrhundert reduziert wurden, entstand an der Nordwestecke ein kleiner Burgus. Diese Kleinfestung war nur noch für eine wesentlich kleinere Besatzung ausgelegt. Das ist ein sichtbares Zeichen für den Wandel des römischen Grenzsystems in der Spätantike. Der heute erhaltene Fächerturm in der Römergasse gehört zu diesen spätantiken Verstärkungen.
Klosterneuburg: An der Grenze zwischen zwei römischen Provinzen
Klosterneuburg nimmt am Donaulimes eine besondere geografische Stellung ein. Das römische Militärlager wurde ab der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. auf einer Hochterrasse errichtet. Es war das westlichste Kastell der Provinz Pannonien ((später Oberpannonien). Westlich des Standorts verlief im Bereich des Wienerwaldes die Grenze zur Provinz Noricum. Die Grenze zwischen Noricum und Pannonien war keine moderne Staatsgrenze, sondern trennte römische Provinzverwaltungen.

Das Kastell entstand zunächst als Holz-Erde-Anlage und wurde später in Stein ausgebaut. Rund um das Militärlager entwickelte sich ein Vicus, also eine zivile Siedlung. Soldaten, Veteranen, Handwerker, Händler und Familienangehörige lebten damit unmittelbar neben dem Militärstandort.
Die römische Vergangenheit liegt heute weitgehend unter dem Stift Klosterneuburg. Das heutige Augustiner-Chorherrenstift steht auf dem Areal des ehemaligen Kastells. Besonders wertvoll sind die römischen Grabsteine, die in den mittelalterlichen Mauern wiederverwendet worden waren. Sie geben heute Aufschluss über die Menschen, die im Kastell und in der Zivilsiedlung lebten.
Carnuntum: Die römische Metropole an der Donau
Mit Carnuntum verändert sich die Größenordnung grundlegend. Carnuntum entwickelte sich zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert zu einer römischen Metropole mit 6.000 Soldaten und rund 50.000 Einwohnern. Zudem war Carnuntum Hauptstadt der Provinz Oberpannonien.
Die römische Präsenz begann im Jahr 6 n. Chr. mit einem befestigten Winterlager. Aus diesem militärischen Ausgangspunkt entwickelte sich ein dauerhaftes Legionszentrum. Neben dem Legionslager entstand eine große Lagerstadt. Außerhalb des Militärbereichs entwickelte sich wiederum eine eigene Zivilstadt. Während die kleineren Kastelle am Donaulimes vor allem der Grenzsicherung dienten, übernahm Carnuntum auch politische und administrative Aufgaben.

Carnuntum war zudem Schauplatz großer Ereignisse der römischen Geschichte. Während der Markomannenkriege diente die Stadt als wichtiger Ausgangs- und Aufenthaltsort für die römischen Operationen an der Donau.
Teile des römischen Stadtviertels am Originalstandort rekonstruiert
Heute kann man die einstige Dimension und Bedeutung Carnuntums im Archäologischen Park der Römerstadt erleben. Anders als bei den meisten niederösterreichischen Limesstandorten hat man dort Teile eines römischen Stadtviertels am Originalstandort rekonstruiert: mit antiken Bautechniken und nach archäologischen Befunden. Dadurch wird nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern ein Ausschnitt des städtischen Lebens wieder sichtbar.

Das bekannteste Bauwerk ist das Heidentor. Dabei handelt es sich um die Reste eines spätantiken römischen Triumphalmonuments aus dem 4. Jahrhundert, ursprünglich ein viertoriges Bauwerk, das heute noch rund 15 Meter in die Höhe ragt. Seinen Namen erhielt es im Mittelalter, als man den Bau den Heiden zuschrieb. Heute ist das Heidentor das Wahrzeichen Carnuntums und eines der bedeutendsten erhaltenen römischen Denkmäler Österreichs.
Der westliche Abschnitt zählt seit 2021 als Teil der transnationalen UNESCO-Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reiches – Donaulimes“ zum Welterbe.

Damit endet unser Rundgang entlang des niederösterreichischen Donaulimes. Die heutigen Einzelorte waren einst Teil eines gemeinsamen Grenzsystems: Über Jahrhunderte bildete die Donau die Nordgrenze des Römischen Reiches.
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