Ab April 2027 sollen in Niederösterreich elf Notarztstützpunkte schließen, obwohl Teile der geplanten Ersatzversorgung erst später bereitstehen werden. Notarzt Dr. Tarik Farahat warnt vor längeren Anfahrtszeiten und Engpässen bei gleichzeitigen Notfällen. Er fordert deshalb, die neuen Versorgungsstrukturen zunächst parallel zu den bestehenden Stützpunkten zu betreiben und ihre Sicherheit im Alltag zu überprüfen. Wir haben mit dem Notarzt über die geplanten Änderungen und ihre möglichen Folgen gesprochen.
Elf Notarztstützpunkte sollen ab April 2027 schließen
Der Gesundheitsplan 2040+ sieht vor, die Notfallversorgung stärker auf das Zusammenspiel verschiedener Rettungsstrukturen auszurichten. Dazu gehören erweiterte Kompetenzen für Sanitäter, Telemedizin und First-Responder-Systeme. Die Acute Community Nurses (ACN) sollen die Versorgung ebenfalls ergänzen, aber erst 2028 in den Regelbetrieb gehen. Erste Notarztstützpunkte sollen jedoch bereits ab April 2027 wegfallen.
Dr. Tarik Farahat ist Allgemeinmediziner und Notarzt in einer Gruppenpraxis in Scheibbs und Leiter der Rotkreuz-Bezirksstelle Ybbs an der Donau. Er befürwortet eine grundsätzliche Weiterentwicklung des Rettungswesens, hält es aber für falsch, bestehende Strukturen abzubauen, bevor die neuen ausreichend erprobt sind.
„Zuerst die neuen Strukturen stärken und ihre Sicherheit im realen Betrieb nachweisen –
und erst dann, wenn überhaupt, bestehende Notarztstrukturen reduzieren“, so der Mediziner im Gespräch mit NÖ Aktuell.
Längere Anfahrtszeiten in Randregionen
Ein wesentliches Risiko sieht Farahat bei den Anfahrtszeiten: Durch den Wegfall einzelner Notarztstützpunkte könnte es länger dauern, bis Notärztinnen und Notärzte beim Patienten eintreffen. Sanitäter, First Responder und andere Rettungsstrukturen bleiben zwar Teil der Versorgung, können später eintreffende Notärztinnen und Notärzte aber nicht in jedem Fall ersetzen.
Besonders betroffen wären Gemeinden, die bereits heute weit vom nächsten Notarztstützpunkt entfernt sind. Neben der Entfernung spielen auch Straßenverbindungen, geografische Gegebenheiten und die Verfügbarkeit benachbarter Notarztfahrzeuge eine Rolle. „Wenn ein Stützpunkt wegfällt, wird das System stärker davon abhängig, dass benachbarte Notarztmittel frei sind“, erklärt Farahat.
Der Mediziner warnt deshalb davor, die Reform ausschließlich anhand durchschnittlicher Anfahrtszeiten zu beurteilen. Sie könnten verdecken, dass einzelne Patienten deutlich länger warten. Er fordert, insbesondere die fünf oder zehn Prozent der Einsätze mit den längsten Anfahrtszeiten zu untersuchen und mit bisherigen Einsatzdaten zu vergleichen.
„Die entscheidende Frage ist daher nicht nur: Wie schnell kann ein Notarzt im besten Fall dort sein? Sondern auch: Wie lange dauert es im ungünstigsten, aber realistischen Fall?“
Weniger Stützpunkte könnten Engpässe bei gleichzeitigen Notfällen verstärken
Besonders kritisch wird es für Farahat, wenn mehrere schwere Notfälle gleichzeitig auftreten. Ist das nächstgelegene Notarztfahrzeug bereits im Einsatz, muss ein anderes Fahrzeug aus möglicherweise größerer Entfernung kommen.
„Ein gutes Rettungssystem muss nicht nur den ersten Notfall bewältigen können, sondern auch den zweiten, der fünf Minuten später passiert.“
Ausreichende Reserven seien deshalb besonders wichtig. Die Versorgung müsse auch nachts, bei schlechtem Wetter oder hoher Auslastung funktionieren. Ob zusätzliche fünf oder zehn Minuten medizinisch entscheidend sind, hänge vom jeweiligen Notfall ab.
Mehr Kompetenzen für Sanitäter erfordern bessere Ausbildung
Farahat unterstützt eine Erweiterung der Kompetenzen von Notfallsanitätern. Schon heute übernehmen entsprechend ausgebildete Sanitäterinnen und Sanitäter Aufgaben wie die Überwachung von Atmung und Kreislauf sowie bestimmte Maßnahmen bei der Medikamentengabe, Schmerztherapie und Infusionsbehandlung. Auch Telemedizin kann die Versorgung unterstützen. Dabei übermitteln Sanitäterinnen und Sanitäter medizinische Messwerte wie Blutdruck, Puls oder Sauerstoffsättigung an einen Arzt, der sie aus der Ferne bei der Behandlung berät.
„Notfallsanitäter leisten wertvolle Arbeit. Sie können aber Notärzte weder in ihrer medizinischen Kompetenz noch in ihren Behandlungsmöglichkeiten ersetzen.“
Doch für zusätzliche Kompetenzen brauche es eine modernisierte Ausbildung, ausreichend praktische Erfahrung und klare Qualitätsstandards. Das Sanitätergesetz stammt aus dem Jahr 2002 und wurde seither mehrfach novelliert. Farahat sieht dennoch weiteren Modernisierungsbedarf. Er verdeutlicht: „Kompetenz auf dem Papier behandelt noch keinen Patienten.“
Neben regelmäßigen Fortbildungen und praktischem Training betont er auch die Bedeutung von Wiederbelebungsschulungen und Erste-Hilfe-Trainings in Schulen.
Ehrenamt darf keine Einsparungen kompensieren
Eine besondere Herausforderung sieht Farahat bei der ehrenamtlichen Organisation der Sanitäter. An den 26 geplanten Stützpunkten sollen überwiegend ehrenamtliche Notfallsanitäter mit Zusatzausbildung (NFS) zum Einsatz kommen. Er hinterfragt, ob sich damit die erforderliche Ausbildung, Routine und dauerhafte Verfügbarkeit sicherstellen lassen.
„Das Ehrenamt ist eine unverzichtbare Stütze unseres Rettungswesens. Es darf aber nicht dazu dienen, den Wegfall regulärer Notarztstützpunkte zu kompensieren.“
Für Farahat müsse deshalb die notwendige Versorgungsqualität bestimmen, wie das Rettungswesen organisiert wird – unabhängig davon, ob hauptberufliche oder ehrenamtliche Kräfte zum Einsatz kommen.
Bei akuten Notfällen bleibt ein Notarzt unverzichtbar
Trotz erweiterter Kompetenzen sieht Farahat medizinische Grenzen. Bei schweren Verletzungen, instabilem Kreislauf oder notwendigen Narkosen und invasiven Atemwegssicherungen könne weiterhin ein Notarzt vor Ort erforderlich sein. „Es geht darum, die Gesamtsituation zu beurteilen, Komplikationen vorauszusehen und unmittelbar auf Veränderungen reagieren zu können“, erklärt Farahat.
Auch Telemedizin könne einen anwesenden Arzt nicht immer ersetzen. Sie ermöglicht zwar medizinische Beratung aus der Ferne, aber keine unmittelbare ärztliche Behandlung vor Ort. Farahat betont deshalb, dass es nicht um eine Konkurrenz zwischen Sanitätern und Notärzten gehe.
„Das Ziel muss sein, dass jeder Patient so früh wie möglich genau jene Qualifikation bekommt, die er für seine konkrete Situation benötigt.“
„Zuerst verbessern und erproben“: Farahat fordert Parallelbetrieb
Eine Reduktion der Notarztstützpunkte lehnt Farahat nicht grundsätzlich ab. Wenn besser ausgebildete Sanitäter, Telemedizin und zusätzliche Rettungsstrukturen zuverlässig funktionieren, könnten Notärzte gezielter eingesetzt werden. Allerdings müsse dafür die Reihenfolge stimmen. „Zuerst verbessern und erproben – und erst danach reduzieren.“
Farahat fordert deshalb einen Parallelbetrieb. Die neuen Rettungsstrukturen sollen zunächst vollständig in Betrieb gehen, während die bisherigen Notarztressourcen als Sicherheitsreserve bestehen bleiben. So ließe sich anhand realer Einsätze überprüfen, wie häufig die neuen Angebote ausreichen, wann ein Notarzt nachgefordert werden muss und wie das System unter schwierigen Bedingungen funktioniert.
„Dann können wir im echten Alltag sehen: Wie oft reicht die neue Struktur aus? Wie oft muss doch ein Notarzt nachgefordert werden? Was passiert nachts? Was passiert bei schlechtem Wetter? Und was passiert bei mehreren gleichzeitig schweren Notfällen? Dann diskutieren wir nicht mehr über Annahmen, sondern reale Daten.“
Erste Sicherheitsauswertungen sollten bereits nach einigen Monaten erfolgen. Erst wenn die neuen Strukturen nachweislich mindestens die bisherige Versorgungssicherheit gewährleisten, hält Farahat Schließungen für vertretbar.
Schließungen nur bei nachweislich sicherer Patientenversorgung
Eine klare Grenze sieht der Mediziner dort, wo schwerkranke oder verletzte Menschen aufgrund von Versorgungslücken keinen Notarzt mehr zuverlässig erreichen können. Dabei verweist Farahat auch auf die medizinethische Verantwortung. Bei mehreren gleichzeitigen Notfällen kann eine Triage, also die Priorisierung von Patientinnen und Patienten bei begrenzten Ressourcen, notwendig werden. Problematisch sei es jedoch, wenn die geplante Reduktion selbst zusätzliche Engpässe schafft und dadurch mehr Menschen um dieselben Ressourcen konkurrieren.
„Ein modernes Rettungssystem darf knappe Ressourcen selbstverständlich sinnvoll einsetzen. Aber bevor man eine bestehende Sicherheitsreserve reduziert, sollte man
zeigen können, dass die neuen Strukturen diese Funktion tatsächlich übernehmen. Sonst verlagern wir das Risiko vom System auf den einzelnen Patienten.“
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